DREIFALTIGKEIT – das klingt kompliziert. Wie kommt es zu diesem Fest? Ist es eine Erfindung des Lehramtes, die mit Jesu Botschaft nicht mehr viel zu tun hat? Ist das Fest notwendig, oder verzichtbar? Jesus hat ja nie gesagt: „Ich bin die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, eines Wesens mit dem Vater“! Wir sagen: Es ist Offenbarung, das heißt: Wir können es wahrnehmen. Wie sollte Dreifaltigkeit erfahrbar sein? Zwei Blicke dazu ins Neue Testament, wie uns dort Gott begegnet:
Der erste Blick: Gott ist herabgekommen – und heruntergekommen.
In unserer Sprache ist es ja einen Riesenunterschied, ob ich herabgekommen oder heruntergekommen sage. Herabkommen meint einfach eine Bewegung von oben nach unten, z.B. wenn ich die Treppe hinuntergehe. Heruntergekommen hat dagegen etwas Schäbiges. Jemand, der, wie wir dann sagen, ‚auf den Hund gekommen ist‘ – ein Mensch, den man meidet
Gott ist herabgekommen – und heruntergekommen. Das ist der Glaube der Christen! Das eine ohne das andere wäre unerträglich. Wenn wir einen Arzt negativ charakterisieren, nennen wir ihn schon mal einen Halbgott in Weiß. Jesus war kein Halbgott. Paulus schreibt: „Sein Leben war das eines Menschen, er erniedrigte sich bis zum Tod am Kreuz“. Er erniedrigte sich – Christen glauben: So ist Gott. Sogar noch mehr: „Er wurde unter die Verbrecher gezählt“, heißt es im Hebräerbrief. Wie ein Heruntergekommener hat Jesus gelebt. Und dieser heruntergekommene Mensch sagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater“.
Das ist das Entscheidende: Dass uns im Erniedrigten Gott begegnet, und wir darin die Liebe Gottes berühren. Der Dreifaltigkeitssonntag erinnert daran, dass dieser Glaube das unterscheidend Christliche ist.
Für unsere nächsten Geschwister im Glauben etwa, Juden und Muslime, ist dieser Gedanke unvorstellbar. Ganz sicher beten wir mit ihnen zum selben Gott. Wir glauben gemeinsam, dass Gott barmherzig ist, und dass nur Gott die Welt und unser Leben richten darf – und nicht wir Menschen. Aber dass uns am tiefsten Punkt des Lebens, am Kreuz, Gott begegnet… Jeder Jude, jeder Muslim wird sagen: Nicht denkbar! Muslime und Juden können uns daran erinnern, wie ungeheuer die Mitte unseres Glaubens ist
Der zweite Blick: Wie Gott sich zeigt, so ist er auch!
Bei uns Menschen ist das nicht so selbstverständlich. Mir begegnet manchmal die Frage: Glauben Sie auch das, was Sie sagen? Sind sie auch so wie sie tun? Bei uns Menschen ist das Verhältnis von Innen und Außen immer gebrochen. Wir zeigen uns nach außen nicht selten andres, als wir innerlich sind. Deswegen erleben uns andere manchmal als falsch – und manchmal sind wir es auch. Glaube der Christen ist, dass Gott sich selbst zeigt. Gott offenbart nicht irgendetwas, etwa Regeln für ein gutes Zusammenleben, sondern sich.
Auch hier lohnt ein Blick auf unsere Glaubensgeschwister, Juden und Muslime, um den Unterschied zu verstehen. Beide sind (viel mehr als die Christenheit) Gesetzesreligionen, und das sage ich mit Hochachtung und Respekt: Erfüll das Gesetz, tue das Gute – und du findest das Heil! Die Frage nach einer persönlichen Gottesbeziehung ist bei ihnen nicht so zentral wie bei uns.
Christ zu sein dagegen bedeutet: „Gott suchen und finden in allen Dingen“, wie es der Hl. Ignatius sagt. Und von der Dreifaltigkeit zu sprechen ist wie eine Art Koordinatenkreuz für diesen Suchweg. Unsere Gebete in der Liturgie enden i.d.R. mit der Formel „durch Christus, unsern Herrn“. Das ist der eine Ast des Koordinatenkreuzes: Wie ich rede, wie ich mit anderen Menschen umgehe, wie ich bete, wie ich politisch handle … wenn ich mich Christin/Christ nenne, geschieht das alles „durch Christus, unsern Herrn“ – sollte es zumindest.
Wenn wir den Gebetsschluss erweitern, lautet er: „Durch J.C., in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes“. Das ist der zweite Ast des Koordinatenkreuzes. Christ-sein geht nie isoliert. Als Christ zu leben geschieht „im Heiligen Geist“, weil wir nur eingebunden in die Geschwisterlichkeit mit allen Geschöpfen existieren können. Auch keine Gemeinde kann isoliert existieren, sondern ist eingebunden, braucht die Gemeinschaft der Heiligen, die Gegenposition und den Gegenpol.
„Irgendwie glauben wir ja alle an Gott“, so hört man manchmal von ‚Otto Normalchrist‘. Dreifaltigkeit erinnert uns daran, dass wir nicht „irgendwie“ an Gott glauben. Manchmal möchte ich zurückfragen: Was für einen Gott meinen Sie jetzt“? Für was wird Gott nicht alles in Anspruch genommen! Wenn der russisch-orthodoxe Patriarch für den Sieg des Hl. Russland betet muss man fragen: An welchen Gott glaubt er?
An welchen Gott glaube ich, glauben wir? An den Vater Jesu Christi, der durch den Heiligen Geist in uns lebt und wirkt? Ich gebe zu: Ich habe meine Zweifel! Jesus finden wir gut, den heilenden und segnenden. Das Gebot der Nächstenliebe finden wir ganz wichtig. Aber suchen wir Gott an den tiefsten Punkten des Lebens – auch als Christen? Wer kann glauben, dass Gott ein Gekreuzigter und Gescheiterter ist? Geht es uns da nicht wie den Aposteln, dass wir vor diesem Gott fliehen, ihn verleugnen? Wer mag an den „Gekreuzigten Gott“ glauben – außer Menschen, die von eben diesem Gott, von seinem Geist erfüllt sind?! Sind wir es – davon erfüllt? Sie merken es vermutlich wie ich: Diesen Glauben hat man nie; da gehen wir immer tastend voran, bleiben Anfänger. Wir haben unser Liederbuch in Franziskus einmal bewusst Auf der Suche genannt, nicht Wir haben’s gefunden.
Mir ist beim Verfassen dieser Predigt selbst noch einmal klarer geworden: Wenn wir von der Dreifaltigkeit sprechen geht es weniger um den Glaubensinhalt als vielmehr um den Glaubensweg. Paulus spricht von der Kirche als „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“. Das sind für ihn die, die so erfüllt sich von der Botschaft Jesu, dass sie alle Sicherheiten, alle eingespielten Wege hinter sich lassen, um in dieser Zeit, an diesem Ort, mit den Menschen, die uns heute gegeben sind, die Suche neu zu beginnen. Stellen wir das in die Mitte unserer Gemeinschaft der Gemeinden im Dortmunder Nordosten, und ER wird einen Weg für seine Botschaft in dieser Zeit finden. Amen.
