Manchmal möchte ich hoch aufsteigen – wie mit einem Ballon – möchte dem Lärm entfliehen, um alles mit Abstand, im wahrsten Sinn des Wortes abgehoben zu sehen; um die Wege und Umwege meines Lebens wahrzunehmen. Im Alltag reicht dazu oft schon ein Spaziergang auf einen Berg. Aus der Höhe wird immer winziger, was sich hier so wichtig macht oder bedrängend ist. Ständig sind wir in Bewegung, ständig unterwegs, unser ganzes Leben ist ein einziges Unterwegs-sein. Hat das Ganze ein Ziel? Sind wir wohin unterwegs?
„Jeder Weg, den wir Menschen auf Erden gehen, ist ein Weg nach Hause…“. Jeder Weg ist eine Etappe auf unserem Heimweg. Wir wissen nicht, an welcher Stelle des Weges wir sind, ob nah beim Ziel oder weit entfernt – ob mitten in einem Umweg. Was wir nur spüren ist unsere Suche, unsere Unrast, die Erfahrung, dass unsere Sehnsucht nie ganz gestillt wird, dass keine Liebeserfahrung unser Herz ganz sättigt, kein Glück uns vollständig glücklich macht. Wann jemals sind wir ganz frei von jeder Sorge, jedem Begehren? Immer bleibt eine offene Stelle. Ständig sind wir unterwegs nach Fülle oder Liebe, nach Wahrheit oder Güte. Werden wir jemals ankommen?
„Jeder Weg, den wir Menschen auf Erden gehen, ist ein Weg nach Hause“. Manchmal denke ich, wir sind wie Zugvögel, die, obwohl sie alles zum Leben haben, dennoch eine permanente Unruhe nach einem anderen Land in sich tragen; die immer wieder aufbrechen, wie nach einem inneren Plan, ohne ihn bewusst zu kennen. Das Unterwegs-Sein ist ihnen eingeschrieben. Vielleicht ist es ja bei uns ähnlich – dass alle unsere Wege letztlich einem inneren Navigationssystem folgen. Der Hl. Augustinus hat das so gesehen: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir – Gott“ …
Wenn das so wäre?! – dann wären wir mit unserem ganzen Leben nicht ziellos Streunende, dann wären wir Pilgernde – in allem unterwegs zu IHM. Wir sind Pilgernde – unterwegs zu Gott. Für Christinnen/Christen ist das kein verstiegener Traum, sondern Lebens-haltung – Welt-Anschauung im besten Sinn des Wortes. Von Frére Roger stammt ja das bekannte Wort: „Lebe vom Evangelium das, was du begriffen hast – und sei es ein Satz, aber den lebe“. Die alten Kirchenväter hatten für das, was da geschieht, einen Namen. Sie nannten es Christificatio, CHRISTUSWERDUNG. Wer IHM einmal die Tür seines Herzens öffnet, der erlebt, dass Christus immer mehr alles in mir prägt und verwandelt.
Beim ersten Hören mag das etwas fromm abgehoben wirken. Aber eigentlich ist es ein Grundvorgang im Leben: Worauf wir schauen, dahin werden wir verwandelt. Was wir stark machen, das geschieht auch! Wenn wir etwa (wie wir leider im Moment in unserer Gesellschaft oft sehen) das Ressentiment und die Abgrenzung in uns stark machen, dann wird uns das auch bestimmen und wir werden die Welt bald nur noch so sehen. Lassen wir uns dagegen von Jesu Liebe prägen, dann wird sein liebender Blick auch unseren Weltzugang bestimmen. Jesus ist dann mehr als einer, an dem ich mich orientiere, er lebt dann in mir, oder, wie es der Apostel Paulus sagt: „Er nimmt Gestalt in uns an“. Dann sehe ich mit seinen Augen in die Welt!
Das ist das, was in der Eucharistie geschieht: Er nimmt in mir Gestalt an – nichts anderes, als dieser Verwandlungsprozess: ‚Fragst du einen Moslem, wo Gott ist, wird er vielleicht zum Himmel zeigen und sagen: Dort, in der Größe ist er, der Allerbarmer. Fragst du einen Hindu, wo Gott ist, wird er wohl auf die Erde zeigen, auf die Pflanzen und Tiere und sagen: In ihnen ist Gott. Fragst du einen Buddhisten, wird er auf einen Mönch in Versenkung zeigen und sagen: Dort ist Gott. Fragst du einen Christen, wo Gott ist, wird er, seit der Stunde des Abendmahles, auf die Hostie zeigen uns sagen: Dort ist Gott zu finden – und er meint damit den Himmel – und die Erde – und den Menschen – das ganze Leben! Alles wird in IHM gewandelt!‘
Wenn wir zur Kommunion gehen, lassen wir uns darauf ein, dass wir Christus in uns aufnehmen, dann beginnt ein alles durchdringender Verwandlungsprozess, dann wird aus den Wegen und Umwegen unseres Lebens eine Pilgerfahrt auf Gott hin. „Jeder Weg, den wir Menschen auf Erden gehen, ist ein Weg nach Hause“
Und diesen Weg gehen wir nicht allein. Das ist Kirche! Sie ist gewissermaßen die Pilgergruppe auf das Reich Gottes hin. Ursprünglich hieß sie auch so: Die vom Weg! Der Ort seiner Gegenwart ist nicht das Haus aus Steinen, kein Gemeindezentrum, keine Gemeindestruktur. Die habe ihren Sinn, aber die vergehen. Von denen müssen wir uns immer wieder trennen. Der Ort seiner Gegenwart – das ist hier, das ist die Bewegung der Menschen, die von ihm bewegt werden. Nur im Unterwegs-Sein lässt sich Gott finden, nicht für die, die sich festgesetzt haben.
„Jeder Weg, den wir Menschen auf Erden gehen, ist ein Weg nach Hause…“ Kurz noch ein letzter Gedanke: Als Christen gehen wir diesen Weg nicht sektenhaft abgeschlossen oder abgehoben. Wir teilen ihn mit vielen Menschen, mit denen wir aber oft nicht unseren Glauben teilen. Das macht für mich den guten Brauch aus, Fronleichnam die Eucharistie in der Monstranz durch die Straßen der Stadt zu tragen. In einer säkularen Umgebung, wie Dortmund es ist, ist das eine Herausforderung besonderer Art. Wir zeigen das Kostbarste, was wir im Glauben haben Menschen, die oft Gott vergessen haben oder die einen anderen Glauben haben.
Vergessen wir eines nie: Wir müssen Gott nicht in die Straßen und Häuser bringen. Er ist schon da! Gott ist denen, die zuschauen und vielleicht mit uns wenig anfangen können, genauso nah wie uns! Wir zeigen mit der Monstranz (nicht triumphal, sondern in aller Demut): Es gibt etwas in unserem Leben, das kann ich nicht kaufen und nicht machen, für kein Geld in der Welt! Es gibt Jemanden, den kann ich nicht kaufen – aber ich muss es auch nicht! Zu Ihm hin sind wir unterwegs – und die Menschen am Rande unseres Weges sind unsere Gefährtinnen und Gefährten. „Jeder Weg, den wir Menschen auf Erden gehen, ist ein Weg nach Haus“. Amen
