„Als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister zusammen mit Zöllner und Sündern?“ Ja, warum bloß? Das ist die Frage! In einem Schriftgespräch über unseren Text in unserem Team, hatten wir sie auch – schnell war es keine Frage mehr der Pharisäer, sondern es wurde zu unserer Frage.

Denn – ist es nicht so: Die da um Jesus saßen, hatten ja nicht nur einfach Pech gehabt im Leben, Menschen, die eine Spende brauchen oder einfach nur Anerkennung, sondern Zöllner waren mindestens Kriegsgewinnler, eine Runde von Menschen, die zynisch auf Kosten andrer reich geworden waren. Wo war da Jesu „Kehrt um!“ … ein Wort, mit dem er doch sonst schnell zur Hand ist? Nirgends wird erwähnt, dass sie anschließend ein neues Leben beginnen. Keinerlei Erklärung Jesu, dass er sich selbstverständlich von Taten der Sünder distanziert und der Besuch rein seelsorglichen Charakter habe. Die Frage der Pharisäer konnten wir leichter nachvollziehen als die Motive Jesu und fanden uns auf ihrer Seite wieder: „Warum isst es nur mit ihnen?“

Vielleicht kann man es so sagen: Jesus hält Mahl mit den Sündern, weil er weiß, wie sehr Schuld gefangen halten kann, weil sie Teil des Lebens geworden ist. Wer z.B. Teil eines Krieges geworden ist, der dachte vielleicht am Anfang noch, er könne etwas verändern, dies und das tun oder Distanz wahren, jederzeit wieder aufhören. IN allen autoritären Systemen gibt es dieses Phänomen. Bei wie vielen Geschäften geht das so, in die Menschen verwickelt sind… Finanzen, die nicht sauber angelegt sind, Tätigkeiten, mit denen wir unserer Gesundheit schaden, Wohlstand, den wir uns auf Kosten anderer erwerben. Wir haben und finden Entschuldigungen, Gründe und Begründungen, und lassen uns so immer mehr gefangen nehmen.

Das nennt die Bibel Herrschaft der Sünde, die den Menschen in sich verschließt. Ganzen Nationen geht es so – wie selten etwa geschieht die Aufarbeitung von Verbrechen einer Gewaltherrschaft? Ganze Wirtschaftssysteme sind darauf aufgebaut, sich auf Kosten anderer den eigenen Wohlstand abzusichern. Daher ist das Mahl, das Jesus mit den Sündern hält, ein erster Schritt, eine Möglichkeit zur Befreiung. Die Bekehrung von der Sünde ist es noch nicht. Jesus sagt nicht: „Deine Sünden sind dir vergeben…“. Mancher Zöllner wird danach wieder weitergemacht haben wie zuvor. Aber das Aufbrechen einer Isolation, das Ausstrecken einer Hand: Komm, du kannst heraustreten aus dem tödlichen Kreislauf.

Jesus geht dann aber noch einen entscheidenden – und uns nochmal irritierenden – Schritt weiter. Seine Antwort auf die Frage ist ja: „Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“

Offensichtlich wird das Reich Gottes nach anderen als nach unseren Leistungsgesetzen gebaut. So besetzt Jesus auch seinen Führungskreis, seinen Jüngerkreis nicht mit erstklassigen erfahrenen Leuten, die moralisch einwandfrei sind. Wen er um sich sammelt, sind die, die seine ausgestreckte Hand ergriffen haben, die ausgestiegen sind aus dem Kreislauf des Vertuschens und unter-den-Teppich-kehrens ist eine Runde von Menschen, deren Begrenztheit offensichtlich ist.

Mit seinem Satz „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, die Sünder berufe ich, nicht die Gerechten…“ stuft Jesus den Matthäus ja als Kranken ein. Trotzdem baut er die Verkündigung des Reiches Gottes auf Leute wie ihn: Er beruft den Kranken, zu heilen; den ungläubigen Thomas zum Auferstehungszeugnis; den schwachen Petrus, die Brüder und Schwestern zu stärken.

Er will die Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger als Gemeinschaft aus Starken und Schwachen; Menschen, die anerkennen, dass einer die Last des anderen trägt. Das Evangelium erzählt uns nichts darüber, wie Matthäus das Urteil Jesu über ihn aufgenommen hat. Offenbar aber hat er verstanden, worum es Jesus ging, sicher, weil er gut genug wusste, was in seinem Leben alles nicht stimmte. Und damit, so verstehe ich Jesus, ist Matthäus, der Betrüger, weiter als die scheinbar Gerechten, weiter als wir. Jesus hat ein Zeichen gesetzt: Alle unsere Kategorien, nach denen wir Menschen einteilen – in oben und unten, moralisch oder unmoralisch, durchkreuzt er. Sünder sind wir alle. Motor unseres Glaubens ist nicht ein noch so gut gemeinter moralischer Appell, sondern die Erfahrung, dass auch ich Vergebung erfahren habe und aus der Vergebung lebe, wie Matthäus. Das macht Matthäus zu meinem Bruder. Amen.