Wenn diese Ausgabe der Gemeindenachrichten erscheint, feiern wir den 12. Sonntag im Jahreskreis. Im Matthäusevangelium werden wir an diesem Sonntag aufgefordert, das, was uns im Dunkeln gesagt wird, im Licht auszusprechen, und das, was man uns ins Ohr flüstert, von den Dächern zu verkünden (vgl. Mt 10,27). Denn, so sagt Jesus: „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird“ (Mt 10,26).

Der Enthüllung all dessen, was gedacht und gefühlt, getan und unterlassen wird, sollen wir nach diesem Evangelium schon jetzt entsprechen. Bereits heute sollen wir alles Verborgene unverblümt aussprechen und eine Praxis radikaler Offenheit und Ehrlichkeit pflegen.

Warum ist Jesus das so wichtig? Den Grund beschreibt das Evangelium in Vers 30, wenn Jesus sagt, dass Gott nicht einmal einen Spatz aus den Augen verliert und erst recht keinen Menschen vergisst – einen Menschen, bei dem Gott sogar die Haare auf dem Kopf gezählt hat. Jedes einzelne Lebewesen ist Gott unendlich wichtig.

Deshalb: Sprecht aus, wenn Ungerechtigkeiten geschehen, wenn die Schöpfung, Tiere oder Menschen ausgebeutet werden. Sprecht die Ungerechtigkeiten in dieser Welt an. Bei den Reformen, die uns in Deutschland bevorstehen und die unser Land braucht, dürfen nicht nur ökonomische Fragen laut diskutiert werden. Ebenso müssen die Fragen nach Gerechtigkeit bei Belastungen und Entlastungen zur Sprache kommen. Alles muss offen angesprochen werden; keine Stimme und keine Konsequenz dürfen nur leise geflüstert oder im Dunkeln gehalten werden.

In diesem Evangelium wird zudem die Gegenwart mit der Zukunft, ja mit dem Himmel in Verbindung gebracht. Damit sind zugleich ein Kernpunkt und ein starkes Motiv der jüdisch-christlichen Hoffnung auf die Auferstehung benannt. Denn nach einer Welt, in der oft Frevler und Lügner an der Spitze stehen und Unehrlichkeit sowie Betrug den Gerechten zusetzen, muss am Ende doch die Gerechtigkeit stehen.

Auch Jesus stirbt keinen gerechten Tod, sondern wird Opfer von Unwahrheit und Intrige. Doch die Auferstehung und das heutige Evangelium verheißen uns: Am Ende wird Gott die Gerechtigkeit durchsetzen. Es wird einen Ort geben, an dem die Ungerechtigkeit überwunden ist. Und je ehrlicher wir schon heute sprechen, desto mehr kann sich diese endzeitliche Gerechtigkeit bereits im Hier und Jetzt verwirklichen.

Stefan Kaiser