Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis/B, 30. Juni 2024

1. Erinnern Sie sich noch an die Zeit vor vier Jahren: Als von einer Woche zu anderen das Berühren gefährlich wurde – etwas, das krank machen kann, so dass wir selbst mit Freunden auf Abstand kommunizierten?! Das hat, so mein Eindruck, viel ausgelöst, und untergründig steckt sie uns immer noch ‚in den Knochen steckt‘, die Zeit des Social Distancing.

Nicht nur äußerlich, z.B. das nach manchem Händedruck immer noch aufkommende Gefühl, ich sei jetzt irgendwie unrein. Auch seelisch scheint mir die erzwungene Isolierung und Berührungsarmut manchen Prozess angestoßen zu haben: ein inneres „Abstand-Haltens“, Skepsis, welche Nähe mir etwas bedeutet, aber welche ich auch nicht mehr will; wovon ich mich berühren lassen möchte – und wovon nicht (mehr)? Ist das gesund, oder „Long COVID im Sozialen“, wie ein zerstörerischer Schwelbrand?

Berühren und berührt werden – das ist etwas ganz Kostbares, etwas sehr Behutsames. Die Wortbedeutung lt. Duden formuliert sehr schön: „Kontakt herstellen, ohne fest zuzufassen“; aber genau darin steckt auch das Intime, Intensive. Das Wort ist fast elektrisch aufgeladen. Da passiert was! Verhaltensforscher und Psychologen bestätigen unsere Ahnung, wie bedeutsam die Körperberührung für uns ist. Ohne sie leiden wir über kurz oder lang an seelischen Mangelkrankheiten. Bei Kindern lösen Berührungen Signale aus, die Wachstum überhaupt in Gang setzten. Berührung öffnet unsere körpereigene Apotheke, die Vieles erst freisetzt, was uns schützt und immunisiert. Ein Baby, das nicht berührt würde, stürbe ganz schnell. Ein Mensch, der nie berührt wird, stirbt seelisch.

2. Berühren schützt und heilt, berühren weckt das Leben! Mit meinen „nach-Corona-geschärften“ Sinnen habe ich unser Evangelium heute neu gehört – diese eigenartig verschachtelte, in manchen Zügen bizarre Geschichte zweier Frauen. Es ist das, was die Tochter des Jairus und die Frau, die seit Jahrzehnten unter Blutungsstörungen leidet, verbindet. Es ist offensichtlich, dass Markus die so verschiedenen Lebenswege der beiden Frauen in einem dramatischen Krisenmoment bewusst miteinander kreuzt. Das lädt ein, ihre Schicksale zu vergleichen.

Die eine hat einen starken Fürsprecher, die andere hat Niemanden.

  • Jairus würde alles für seine Tochter tun. Er geht ganz in ihrer Not auf. Alle Standes- und Konventionsschranken sind ihm egal. Einzig um die geliebte Tochter, um die geht es. Dass wir nicht nur für uns selbst leben, sondern geben, für andere nach Leben, nach Heilung suchen, das nennt Jesus GLAUBE.
  • Für die Frau mit den Blutungsstörungen tritt keiner ein. Zwölf Jahre Vergeblichkeit. Mit ihrem Krankheitsbild galt sie damals als unrein. 12 Jahre COVID-Lockdown, Berührungs- und Kontaktsperre! Ahnen wir auch nur im Entferntesten, was mit einem Menschen ‚macht‘? Keiner Wunder, dass ihre Suche nach Nähe etwas Verzweifeltes hat: „Nur einmal, von hinten, von unten sein Gewand berühren…“, so sagt sie sich. Ich wette: In jeder unserer Nachbarschaften – auch in unseren Gemeinden? – wäre sie die Komische. Jesus dagegen fragt sich zu ihr durch, lässt Berührung zu und überwindet so die Isolation. Was wir schnell als verschrobene Wunderfrömmigkeit abtun, nennt er GLAUBE.

Es fällt auf, dass Jesus beide Heilungszusagen laut, vor aller Ohren und Augen, ausspricht. Sie sind wie ein Machtwort an den einen starken Gegner: Den Tod und seine Helfershelfer. Den Tod, der wirksam wird in denen, die die kranke Frau ausschließen, und der hörbar wird in denen, die Jairus sagen: ‚Es ist zu spät… dass da einer noch von Leben redet! Darüber kann man nur lachen‘. Das sind die Stimmen, denen Jesus entgegenruft: „Talíta kum“ – steht auf vom Tod – und: „Geh“, denn du bist geheilt!

3. Es sind die Berührungen, die das Leben wecken! Wenn man unseren Text liest, steht man schnell in der Gefahr, in der ich jedes Mal stehe, wenn ich über ihn predigen muss: ihn auseinanderzuschneiden, die beiden „Fälle“ zu trennen. Selbst die Leseordnung gibt mir die Möglichkeit, mich auf Jairus und seine Tochter zu konzentrieren – und damit die Frau mit den Blutungen weiter isoliert am Wegrand zu lassen, wie seit Jesu Zeiten. Doch Markus verschränkt die Wege der beiden Frauen ja bewusst, weil es ihm um eine „message“ geht: Der Glaube, dass der Tod überwunden wird, ist EINER.

Wenn ich vertraue, dass bei Gott mein leiblicher Tod keine endgültige Grenze ist, dann verändert das die Beziehung zu meinem Leben und zu meiner Umgebung, dann kann, dann darf ich keinen sozialen Tod, für den die Frau mit den Blutungen als Patin steht, mehr hinnehmen. Die umgekehrte Logik stimmt aber ebenso: Wenn ich durch meine Zuwendung Menschen beistehe, Gemeinschaft möglich mache, Isolierung überwinde, verändert das auch mein Inneres, die Beziehung zu mir selbst, weitet meine „Welt-anschauung“ – und gibt mir im Letzten eine Ahnung, dass es wahr sein mag: dass Liebe stärker ist als der Tod.

Von IHM berührt zu werden, weckt das Leben, schützt und heilt, auch heute, auch bei mir, bei uns. Wenn wir Menschen sind, die einmal in ihrem Leben vom IHM berührt wurden, dann hat das in uns etwas lebendig gemacht, eine Sehnsucht, dann hat es eine Unruhe geweckt, eine Suche in Gang gesetzt, die wir nicht einfach irgendwann in eine schöne Vitrine stellen können.

Das will weitergelebt werden: „Wir können nicht schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“. Dieses Wort von Petrus und Johannes im Jerusalemer Tempel stimmt nicht nur bei Peter Janssens 1970, sondern auch heute. Diese Botschaft will weitergelebt werden, aus einzig einem Grund: Weil sie lebt, wo Menschen sie tun, heute genauso wie vor 50 Jahren.

Es ist der Glaube, für den Jesus den Jairus lobt. An anderer Stelle sagt Jesus einmal: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“. Wie viele wunderbare Menschen haben wir in allen unseren Gemeinden, in allen Generationen, die genauso den Glauben leben, die zur Stelle sind, wo sie gebraucht werden, die bereit sind, leibliche, seelische und existentielle Not zu berühren und sich von ihr berühren zu lasse

Da wird auch heute Jesus sichtbar, Kirche lebendig – hier im so säkularen Dortmunder Nordosten. Sagen und zeigen wir es nach draußen, dass es sich lohnt, sich in diesem, in Manchen sicher schwierigen, aber eigentlich wunderschönen Lebensraum zu engagieren. Es ist der uns gegebene Ort, uns von IHM berühren zu lassen und mit seiner Botschaft Menschen zu berühren, miteinander Kirche zu sein.

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