16. Sonntag im Jk. C (Lk 10, 38-42)

Da hört es doch auf! Das schlägt dem Fass den Boden aus! Jesus lässt sich auf die Gastfreundschaft von Marta ein und dann tadelt er sie wegen ihrer Geschäftigkeit. Maria hätte den besseren Teil erwählt, heißt es dann. Wirklich? Sind nicht beide Teile dem Menschen wesentlich zu eigen?

Der Mensch ist ein höchst aktives und kreatives Wesen. Er schafft. Er wirkt. Er produziert. Er stellt her. Diesen Wesensteil vom Menschen abzutrennen, würde ihn zerstören, seelisch verarmen lassen. Nicht mehr aktiv sein zu können; Dinge nicht mehr bewegen zu können; keine Verantwortung mehr innezuhaben; lässt den Menschen verkümmern. Der Mensch braucht eine Aufgabe. Insbesondere Menschen, die sich aus dem aktiven und beruflichen Abschnitt ihres Lebens zurückziehen, bekommen dies zu spüren. Sie suchen sich ganz schnell wieder einen Ausgleich zu dem, was ihnen dann fehlt.

Auf der anderen Seite braucht der Mensch den Abstand zum Alltäglichen; zudem, was ihn Kräfte und manchmal auch Nerven kostet, ihm an die Substanz geht. Es braucht die Zeit der Betrachtung, der Rekreation; die Stunden, in denen er sich wieder selber einholen, seiner Seele nachkommen kann. Es hat schon seinen Grund, warum sich so viele Menschen auf die Ferien freuen und das Weite suchen, einfach nur einmal weg möchten, raus aus den eigenen vier Wänden. So ein Tapetenwechsel tut der Seele gut! Sollte es, denn auffällig viele Menschen fallen im Urlaub wiederum der gleichen Versuchung anheim, wie zuvor in ihrem Alltag. Nach wenigen Tagen schon fangen sie wieder an zu planen und höchst aktiv zu sein. „Was steht heute auf dem Programm?“ lautet die erste Frage am Frühstückstisch. Auch das bloße Nichtstun kann Stress verursachen. Es lässt unruhig werden. Und ehe man wirklich zur Ruhe finden kann, sich anfängt zu entspannten und loszulassen, ist der Augenblick vorbei; die Ferien sind zu Ende. Wirklich erholt hat man sich nicht.

Wie aber gelingt mir der Wechsel von der einen zur anderen Seite? Wie schaffe ich es, einmal alles stehen und liegen zu lassen und mich ausschließlich nur mir und meine Seele zuzuwenden? Wie entspanne ich? Wie komme ich runter? Wie gelingt mir das Loslassen? Wie bringe ich es fertig, mich wie Maria einmal hinzusetzen, zuzuhören, mich auf anderes einzulassen. Einfach im Augenblick da und präsent zu sein? – So etwas geht nicht von jetzt auf gleich. Wer dies zu schaffen meint, der irrt und der macht es sich unnötig schwer. In meinem zurückliegenden Urlaub musste ich genau diese Erfahrung machen. So sehr ich mich auch darum bemühte, ich kam einfach nicht zur Ruhe. Die innere Maschine drehte in den ersten Tagen immer noch im gleichen Tempo ihre Runden wie zuvor.

Das musste ich zuerst einmal anerkennen und zulassen. Es ist wie es ist. Ich kann nicht von 100 auf null kommen. Nicht einfach so. Nicht gleich. Ich muss es auch nicht. Ich darf mir Zeit lassen. Dieses Wissen allein wirkt schon entspannend. Es setzt mich nicht erneutem Leistungsdruck aus. Der Übergang braucht Zeit. Und diese Zeit darf ich mir nehmen und auch anderen zugestehen.

Um wieder zu mir selbst zu finden, mich zu entschleunigen, bediene ich mich sehr oft meines Atems. Ich achte auf ihn. Ich atme bewusst langsam ein und wieder aus. Alles um mich herum spielt dann keine Rolle mehr. Ich atme. Und das ist alles, was ich in diesem Moment tue. Ich achte darauf, wo ich atme und wie ich atme. Ob frei oder anstrengend, gepresst und eng. Ich spüre, wie ich durch das Atmen allmählich zu einer inneren Ruhe finde. Was mich stören will, das atme ich weit von mir weg, aus mir hinaus. Auch das wirkt befreiend. Das macht mich frei. Frei für mich selber. Frei für die Dinge, die ich in meinem Alltag nicht mehr wahrgenommen habe. Sehr oft wesentliche Dinge. Frei auch für Gott und das, was er mir sagen und zu verstehen geben will. Zudem kann ich mir ins Bewusstsein rufen: Ich bin da. Einfach nur da. In der Gegenwart Gottes, der mich sieht, der mich wahrnimmt, liebevoll auf mich blickt. Vor dem ich sein kann, als der der ich bin. Diesen Moment darf ich auskosten. Ich darf ihn fühlen und erspüren. Erleben wie es mir damit geht.

Maria konnte dabei alles um sich herum vergessen. Selbst die Aufgabe, die ihr als Frau in diesem Haushalt zugekommen wäre. Erst recht, wenn ein Gast in diesem Haus zu Besuch ist. Doch: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.“ – Durchatmen. Loslassen. Dasein. Ich glaube, wem dieser Wechsel von der aktiven Seite zur betrachtenden Seite gelingt, der wird auch wieder empfänglich werden für die eigene innere Stimme, die im Alltag allzu oft überhört wird und auch für das Wort Gottes, das sich in ihm unaufhörlich ausspricht. Das ihm sagt, worauf es wirklich ankommt und was zu tun und auch zu lassen ist. Das ihm den Weg weist, den er zu gehen hat, um seiner Berufung, seinem ganz einmaligen Leben gerecht werden zu können. – Ein Wort, das ihm Leben verheißt.

Solche Momente sind nicht einfach zu machen. Sie sind einem Menschen geschenkt. Ich wünsche uns allen solche Erfahrungen, gerade jetzt, in diesen Ferienwochen. Übrigens für solche Erfahrungen braucht es nicht wirklich Ferien. Sie können auch zu einem festen Bestandteil des Alltags werden. Sie ereignen sich auch in einem Gottesdienst wie diesem, heute. Gerade hierbei sind wir eingeladen, uns zu Füßen Gottes zu setzen, einfach nur da zu sein und sein Wort auf uns wirken zu lassen. Mehr haben wir nicht zu tun, aber auch nicht weniger. Wir müssen es uns nur immer wieder einmal erlauben, diesen vermeintlich besseren Teil zu wählen. Maria tat es. Tun Sie es auch. Immer wieder einmal. Ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, gönnen Sie sich einmal einfach sich selbst.

Manfred Wacker

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