Ostern, Lesejahr B, 3./4. April 2021

Wer könnte uns den Stein wegwälzen? Ist die Aufgabe nicht viel zu schwer für uns? Wer könnte den komplizierten Knoten lösen, in dem eine Familie sich in ihren Beziehungen verstrickt hat? Wie könnte ich alle meine Schulden jemals bezahlen, wo ich doch vom Jobcenter leben muss? Wie können wir jemals alle Menschen gegen Corona impfen, weltweit? Wie können wir endlich auch die Kirche voranbringen bei den vielen Widerständen gegen eine Fortentwicklung? Schnell werden wir mutlos angesichts der vielen Steine, die zu bewegen sind. Wir sind dann wie die drei Frauen, die ihrer rituellen Aufgabe nachgehen wollen und den getöteten Freund salben wollen. Oder auch wie der griechische Held Sisyphus, der den dicken Stein immer wieder den Berg heraufwälzt und der kurz vor dem Ziel immer wieder herunterrollt.

Der Stein wird zum Symbol für alle Widerstände, für alles, was unmöglich erscheint, was unzugänglich ist. Wie oft muss ich auch bei Menschen eine Erfahrung machen: er oder sie ist unzugänglich; ich komme an einen Menschen nicht mehr heran, finde keinen Zugang mehr zu ihm. Und wenn wir daran denken, dass wieder einmal viele Menschen der Kirche den Rücken kehren, dann muss man die Frage stellen, ob die Menschen verschlossen sind, oder ob es die Kirche ist, die sich hinter dem Stein versteckt oder hinter ewig gültigen Lehrsätzen selbst inhaftiert.

Die Erfahrung von Ostern aber ist eine andere. Die Frauen erleben, dass ihre Bedenken wie weggeräumt sind. Der Zugang zum Grab frei. Und ihre Salben sind auch nicht mehr nötig. Ihre Bedenken wegen des Steines sind wie weggeblasen. Schaut nach vorn. Brecht wieder auf. Macht euch auf den Weg. Aber es dauert, bis sie das begreifen können. Zunächst sind sie entsetzt. Und hier sind wir wieder ganz bei uns. Auch eine erfreuliche Nachricht muss erst verdaut werden, meine Seele braucht immer Zeit, bis sie auch das Positive nachvollziehen kann. Und oft bleibt auch das Misstrauen noch lange. So endet eigentlich das Markusevangelium „sie fürchteten sich“ – sind die letzten Worte. Ist das aber eine Frohe Botschaft??? Spätere Handschriften ergänzen dann noch einige Auferstehungsberichte aus den anderen Evangelien. Aber der eigentliche Kern des ältesten Evangeliums schließt nicht mit einem Happy End. Das ist für uns ungewohnt. Wenn wir einen Krimi gucken, können wir uns darauf verlassen, dass am Ende ein Schuldiger von einer heldenhaften Ermittlerin gefasst wird. Und die Bearbeiter des Evangelientextes scheinen zu spüren, dass es für eine Frohe Botschaft auch ein gutes Ende braucht und fügen deshalb noch ein Kapitel an, mit einer guten Perspektive und mit Berichten, die Hoffnung machen können.

Ich bin dankbar über diese Ergänzung, denn ich brauche nicht die Bestätigung meiner Hoffnungslosigkeit und keinen Blick in einen dunklen Tunnel, der nicht endet. Was ich brauche sind Hoffnungszeichen, Lebenszeichen; eine lange Schlange von Menschen, die zum Impfen ansteht, ist mir weitaus lieber als einer, die Schultern hängen lässt mit der Bemerkung „ich komme je doch nicht dran!“

Die Botschaft des Osterfestes ist eine Botschaft vom Leben. Dieser Message können wir als Kirche entsprechen. Deshalb feiern wir Ostern, auch wenn wir es sehr bescheiden tun. Und die Zeit der Bescheidenheit ist auch noch nicht vorbei. Aber Lichtzeichen und Hoffnungszeichen dürfen wir wahrnehmen. Und ich bitte darum, diese kleinen Lichtzeichen wahrzunehmen.

Hinter meinem Haus blüht gerade ein Mandelbäumchen. Die Blütezeit ist immer nur sehr kurz. Aber es ist unendlich schön, diese weißen Blüten anzuschauen. Dabei ist mir ein Gedicht in den Sinn gekommen von dem israelischen Schriftsteller Schalom Ben Chorin:

  1. Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.
  2. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
  3. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
  4. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

Ich diesem Sinne wünsche ich allen ein gesegnetes und fröhliches Osterfest.

Reinhard Bürger

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