Karfreitag B, 2. April 2021

Noch nie in den letzten Jahrzehnten gab es monatelang ein Thema, das weltweit alle Menschen berührt und betroffen hat: die Bedrohung des menschlichen Lebens. Corona hat uns Menschen zusammengebracht unter diesem einen Thema, egal ob in Neuseeland oder Neubrandenburg, in Paderborn oder Paris, in Scharnhorst oder in Schanghai. Manchmal schafft es eine Fußball-WM oder die Olympischen Spiele, dass die Mehrzahl der Menschen nur ein einziges Thema kennt. Das hier ist anders. Ich habe in den letzten Monaten schon mehrere Menschen beerdigt, die mit oder an Corona verstorben sind. Und auch Sie werden Menschen oder Familien kennen, die dasselbe erleben mussten.

Für viele Menschen hat es in den vergangenen Monaten viele Karfreitage gegeben, in denen sie um ihr Leben bangen mussten. Und denen, die bisher gesund sind, machen die Zahlen Angst, die die Ansteckungsgefahr anzeigen. In einer solchen Situation feiern wir den Karfreitag als den Todestag Jesu. Wir setzen uns der langen Passion aus, die in allen Einzelheiten den Weg Jesu von der Verurteilung zum Tod beschreibt. Und wenn sich einer beklagt, sie sei zu lang, dann sei die Rückfrage erlaubt, wie viel Zeit wir in den Medien zurzeit verbringen, um neue Meldungen, Dokumentationen, Kommentare, Prognosen mitzubekommen: da ist die Länge der Leidensgeschichte Jesu noch „peanuts“.

Wir kämpfen an gegen Krankheit und Tod, weil wir Lust am Leben haben. Deshalb investieren wir unendlich viel Kraft und Kapital in die Gesundheitsvorsorge, in Absicherungen im Haushalt oder im Verkehrsgeschehen, wir wollen das Leben genießen, und das möglichst glücklich.

Da liegt ein Tag wie der Karfreitag völlig quer. Aber was und die Pandemie jetzt gewaltsam als Thema ausdrückt, hat die Botschaft des Karfreitags immer schon parat: zum Leben zum Geboren-Werden, zum Wachsen und Reifen gehört auch das Sterben und der Tod. Das Symbol dafür, das Kreuz, ist uns oft so vertraut, dass wir es in seiner Provokation schon nicht mehr wahrnehmen. Wird es nur als Schmuckstück erlebt, dann wird es banal und gleichgültig. Aber es gehört zur Wirklichkeit des Lebens dazu wie Liebe und Lachen, wie Sport und Spiel, wie Wachsen und Welken. In dem Weg Jesu wird uns auch die Seite des Lebens gezeigt, die hart und herausfordernd ist. Es gibt den Palmsonntagsweg mit den Beifallsstürmen und den Kreuzweg mit den Buh-Rufen.

Manche haben in den letzten Monaten den Kirchen vorgeworfen, nur ungenügend auf die Belastungen durch die Pandemie reagiert zu haben. Ich will hier nichts rechtfertigen oder beschönigen. Aber die beste Botschaft der Christen ist in dieser Situation das Geschehen der Österlichen Tage:

Wir stellen uns der Wirklichkeit von Krankheit, Tod und Sterben und sind an der Seite derer, die darunter besonders leiden. Wir halten diese Zeit aus.

Und wir schauen weiter und erinnern uns immer wieder, dass Jesus in seinem Sterben sein Leben in Gottes Hand gelegt hat.

Reinhard Bürger

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