Wie im Märchen klingt unser Evangelium vom Schatz im Acker und vom Kaufmann mit der Perle. Etwas ausgemalt könnte es von den Brüdern Grimm sein mit ihrem schönen happy end. „Und wenn sie nicht gestorben sind…“. Manche träumen sich ja vielleicht ihr Leben so – wie im Film, mit einem happy end mitten Leben: den Jackpot zu knacken, den Traumprinzen schlechthin zu finden, den Nobelpreis bekommen. Und dann? … kommt der nächste Morgen und geht das Leben weiter, ist das Leben nicht nur Wohlbefinden, sondern Alltag.
Manche evangelikale Gemeinschaften stellen Bekehrung nach diesem Muster vor. Bis gestern noch war ich ein Sünder, aber jetzt habe ich Jesus, habe ich die Gemeinschaft gefunden, die trägt! Was aber, wenn nicht alles anders wird? Wenn nach dem Höhenflug die Mühen der Ebene warten? Im Kleinen haben das sicher mache erlebt, die eine Woche in Taizé oder Lourdes oder sonst einem „Gnadenort“ waren. Vom Glück erfüllt zu sein: Ich will in meinem Leben ganz für Gott da sein… aber dann kommt nicht das Glücksgefühl, nicht die Erfüllung, sondern kommen vielleicht Zweifel an Gott, oder auch an mir selber!
So kann auch unser Gleichnis heute missverstanden werden: Der eine Schatz, die eine Perle. Und was machen sie jetzt damit? Es geht hier nicht um ein happy end, sondern es ist eine Anfangsgeschichte, die Aufforderung zu einem entschiedenen Neuanfang.
Es sind Geschichten, die vom Reich Gottes erzählen, vom Himmelreich. Für Jesus ist das kein Reden vom Ende der Welt, sondern es ist der Versuch, darüber zu sprechen: Was passiert eigentlich, wenn ich mich dazu entscheide, dass Gott in meinem Leben die Mitte ist. Was wird dann wichtig, was wird unwichtig? Noch einmal: Himmelreich meint nicht irgendwann, sondern ob ich Gott jetzt in mein Leben lasse. Und das, so das Evangelium, schenkt FREIHEIT, die Freiheit, loszulassen, was nicht wichtig ist. Und dann passen die beide Bilder gut in den Zusammenhang der Wachstumsgleichnisse.
Was das konkret für den Einzelnen bedeutet, hängt dabei sehr von der Lebensphase ab:
- Für einen jungen Menschen könnte es um das Thema gehen: Brauche ich eigentlich alles das, was mir als ‚must have‘ angeboten wird, aber am Ende nur langweilig ist, sondern: Was ist es eigentlich, was ich mit meinem leben machen kann und sollte? Oder: Für wen lebe ich? Wo wage ich etwas radikal Neues?
- Für die in der Mitte des Lebens wird es sich ganz anders zeigen. Wer Familie hat, im Beruf Verantwortung trägt, Verpflichtungen eingegangen ist. Da kann man nicht einfach sagen: Jetzt fange ich einfach mal neu an.
- Und wieder anders ist es mit den nicht wenigen unter uns, die im hohen Alter stehen. Mit Achtzig startet man nicht noch einmal durch – und muss es auch nicht. Dort ist wirklich der erste Teil des Gleichnisses die Übung: loszulassen, aufzulösen, Geduld haben.
Das Eigentliche aber, worum es geht, sich in diese Freiheit hineinführen zu lassen, den Schatz zu entdecken, ist nicht gebunden an das Lebensalter oder die Lebenssituation.
Was hindert uns? Wir wollen und müssen für die Zukunft planen, ohne das geht es nicht. Wir sind keine Traumtänzer. Deswegen hindert uns am Loslassen oft das mangelnde Vertrauen, dass, wenn ich das Alte loslasse, auch wirklich etwas bekomme. Der eigentliche Kern des Reiches Gottes ist deswegen die Frage nach meinem Vertrauen, dass Gott = Gott ist für mich – und ich ihm vertrauen kann.
Oft muss ich sagen: Das weiß ich nicht, was kommt. Was ich aber sehr wohl wissen kann ist, was heute das Richtige ist, der nächste Schritt. Wenn ich mein Vertrauen auf Gott setze und nicht auf meine gewohnten Strategien abzusichern, möglichst alles zu halten, dann macht mich das freier zu erkennen, was jetzt das Richtige ist. Hier anzupacken, dort Nein zu sagen, da etwas zu wagen, weil sich sonst nie etwas ändert.
Oft jedoch ist es gar nicht der heroische Akt, alles zu verkaufen, um den Schatz zu heben. Oft genug wird mir und uns genommen, was wir doch eigentlich behalten wollten. Solange es irgend geht, wollen wir nicht loslassen. Das ist so im Alter und ist so in einer alt gewordenen Kirche. Aber ist das nicht die eigentliche Herausforderung des Glaubens: zu vertrauen, dass Gott auch dort einen Schatz bereithält? Das Vertrauen des Glaubens ist im Aufbruch. Aber eben auch dort, wo wir nicht mehr können. Das Ende ist in Gottes Hand. Amen.
