„Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ – dieser Satz sollte stutzig machen. Kann eine Last überhaupt leicht sein? Das ist doch ein Widerspruch in sich!
Jeder kennt es von sich: Wenn Lasten zu viel werden, wenn Kraftreserven zur Neige gehen, wenn wir keine Kraftreserven mehr haben, wenn zu den Sorgen um die Familie noch gesundheitliche Probleme dazukommen.
Dann kann es sein, dass uns sogar kleinste Anforderungen über den Kopf wachsen. Unsere Gedanken kreisen nur noch zwischen den Verpflichtungen verschiedener Art; wir bekommen keine innere Distanz mehr, wahrzunehmen, wie groß oder wie geringfügig manches von dem ist, was uns drückt.
Umgekehrt ist es genauso: 2-3 Wochen Urlaub – und ein scheinbar unüberwindliches Problem, an dem wir tagelang gebrütet habe, ist in wenigen Stunden gelöst – oder hat sich in der Zwischenzeit wie durch ein Wunder gar von selbst erledigt; ½ Jahr Abstand von einer Aufgabe, die uns sehr gefordert hat, und wir fragen uns rätselnd, warum wir in dieser oder jener Sache eigentlich immer so empfindlich reagiert haben.
Sie kennen vielleicht die alte Fabel, die dazu passt: „Ein Vogel lag auf dem Rücken und hielt beide Beine starr gegen den Himmel gestreckt. Ein anderer Vogel kam vorüber und fragte verwundert: Warum liegst du so da? Und warum hältst du die Beine so starr? Da antwortete der erste Vogel: Ich trage den Himmel mit meinen Beinen. Wenn ich losließe und die Beine anzöge, würde der Himmel herabstürzen!
Kaum hatte er das gesagt, da löste sich ein Blatt vom nahen Eichenbaum und fiel leise raschelnd zur Erde. Darüber erschrak der Vogel so sehr, dass er sich geschwind aufrichtete und spornstreichs davonflog. Der Himmel aber blieb an seinem Ort.“
Es ist natürlich Zufall, dass unser Evangelium in die Sommerwochen, kurz vor die beginnenden Ferien fällt; doch das verstärkt die Einladung, inneren Abstand zu gewinnen: Um das Gewicht der Lasten der letzten Saison spüren zu können, um die Vielfalt der Gedanken und Pläne einzuholen und uns wieder in der Mitte festzumachen; um nicht mehr nur aus Kopf und Willen zu bestehen, sondern auch das Gefühl wieder dabei sein zu lassen; um schlicht, die Beine anzuziehen und zu sehen, dass der Himmel an seinem Ort bleibt.
Damit zurück zum Evangelium – ein wunderbar einladender Wort Jesu, zur Ruhe zu kommen. Etwas fremdartig in diesem Text wirkt der Mittelteil: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“. Im Johannesevangelium gibt es häufiger solche Stellen, in denen Jesus seine innige Beziehung zum Vater beschreibt, die sich aber nicht selbst genügt, sondern über sich hinausgeht und die Menschen mit hineinnimmt.
Gemeint ist: Unser Leben wird von starken Banden gehalten; wir leben aus dem göttlichen Leben – und deswegen müssen wir nicht (mehr) so leben, als ob es immer nur auf uns ankäme und ohne uns nichts ginge. Wir leben aus dem Geist, der sich „unserer Schwachheit annimmt“, wie es Paulus sagt. Ich muss nicht der Gesündeste, der Stärkste, der Erfolgreichste, der Schönste sein.
Das berührt ein Problem vor allem unserer Fortschritts- und Wachstumsgesellschaft, die in der Gefahr steht, permanent überhöhte Erwartungen an die Leistungskraft und die Möglichkeiten des Einzelnen zu stellen. Mein Körper soll fit sein bis ins hohe Alter, mein Beruf mich erfüllen, meine Ehe ungetrübt glücklich sein und die Erziehung der Kinder und Enkel 100% gelingen. Alles das sind Totalitätserwartungen, bei denen das Scheitern vorprogrammiert ist, denn, so ist das Leben nicht. Ich sage es einmal provozierend: Die meisten Ehen gelingen halb, die meisten sind halbgute Eltern, halbgute Lehrerinnen, halbgute Therapeuten – und das ist schon viel!
Der Theologe Fulbert Steffensky hat das einmal das Lob auf die gelungene Halbheit genannt. Unser Leben ist endlich, nicht nur, weil wir sterben müssen. Die Endlichkeit liegt im Leben selbst: im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit. Aber darin liegt eine eine ganz eigene „Größe“ und Würde und Schönheit des Lebens: Offen zu bleiben – für Zuwendung, für Güte, für Vergebung. Soweit wie ich bereit bin, mich in meiner Endlichkeit anzunehmen, braucht mich die eigene Bedürftigkeit und Schwäche nicht in Zweifel oder gar in ein inneres Chaos zu stürzen.
Das ist wesentlich eine Frage nach meinem Glauben. Wo der Glaube zerbricht oder nicht mehr trägt, da ist uns Menschen unweigerlich die nicht zu tragende Last der Verantwortung für die eigenen Ganzheit gegeben. Das gilt für uns persönlich, aber auch für das Zusammenleben in unserem Staat, in unserer Gesellschaft.
Darauf zielt die Zusage Jesu: „Mein Joch ist sanft…“. Ein Joch ist eine Tragehilfe auf den Schultern, die es möglich macht, Lasten zu tragen, die ohne sie nicht zu tragen wären. Die Lasten sind nicht weg – und sie sind auch nicht leichter von der Kilozahl geworden – aber es ist mit der Hilfe überhaupt erst möglich sich ihnen zu stellen.
Es gibt Lasten in unserem Leben, die sind einfach nicht zu tragen sind (der Verlust des geliebten Menschen, der Verlust der Existenz, der Heimat… das Schicksal des Hiob) und auch Gott nimmt mir diese Last nicht ab. Aber er steht mir zu r Seite, daran nicht zu zerbrechen. Mit Jesus an der Seite sind unsere Lasten unseres nicht einfach verschwunden, aber wir müssen vor ihnen auch nicht flüchten oder sie vor allen anderen verbergen. Was wäre das für eine Hilfe, für alles Besorgen und alle Sorge auf diese Tragehilfe zurückgreifen zu können.
Eine der für mich stärksten Gebet, die das ins Wort bringen, ist die Pfingstsequenz: „In der Hetze schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Not“. Beten wir es am Ende dieser Gedanken. Die kommenden Wochen geben für viele mehr als sonst im Jahr Raum, dem nachzugehen. Und dabei steht der neben uns, der „gütig und von Herzen demütig ist“, der, bei dem unsere „Seele Ruhe findet“. Amen.
