Wir sind in unserem Alltag unendlich vielen Reizen ausgesetzt. Ich werde morgens mit dem Radiowecker geweckt und habe das auch so eingestellt, dass ich pünktlich zu den Nachrichten halbwegs aufnahmebereit bin. Während der Fahrt im Auto bringt das Radio immer wieder neue Nachrichten, Interviews, Reportagen, Krisenberichte. Oft sind das Ereignisse, die mich aufregen oder bewegen. Dann das Handy: ob Anrufe, WhatsApps, Emails und alles möglich, was da auf dem Display erscheint. Dann evtl. ein Beruf mit viel Abwechslung, Kunden, Antragsteller, Schülern, Vorgesetzte, Kolleginnen. Wir sind ganz vielen Reizen ausgesetzt und das macht unser Leben interessant, spannend und abwechslungsreich.

Das Ganze kann aber auch seine Grenzen haben. Wir sprechen dann von Reizüberflutung. Und was Überflutung heißt, haben wir gerade in dieser Woche erlebt: durch alle Ritzen kommt das Wasser, wir können uns nicht mehr dagegen wehren und uns schützen, und irgendwann geben wir auf und was wir uns mühsam erarbeitet haben, geht einfach in den Fluten unter.

So beschreibt es auch die Episode aus dem Evangelium: viele Menschen mit allen möglichen Fragen und Anliegen, mit Sorgen, Menschen wohl mit echten Sorgen, aber auch welche, die einfach nur auf die Nerven gehen oder welche, die Ansprüche stellen. So etwa stelle ich mir das Gewusel vor, dem die Apostel Jesu ausgeliefert sind, obwohl sie schon längst von der Arbeit erschöpft sind. Um das Ganze in die heutige Situation zu übersetzen, würde ich gern formulieren: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allen sind, schaltet eure Handys aus, und ruht ein wenig aus.“ Jesus lädt seine Vertrauten einfach ein, die Reize von außen zu reduzieren. Sie haben genug zu erzählen, sie müssen sich aussprechen und sich innerlich sortieren. Sie müssen sich miteinander austauschen, um das Erlebte zu verarbeiten und sich zu orientieren. Das erst gibt ihnen Kraft für neue Aufträge.

Ich gestehe: ich erlebe auch meine Situation so, dass ich oft den Eindruck habe, dass so viel Reize auf mich einströmen, dass ich sie kaum noch sortieren kann. Und manchmal habe ich auch das Gefühl, dass es wie bei einem Hochwasser ist: so viele Informationen, so viele Fragen, so viel Ansprüche. Ich weiß dann manchmal auch nicht, wie ich das alles in meinem kleinen Kopf hintereinander kriegen soll.

Da tut es gut, die Einladung Jesu zu höre: „Ruht ein wenig aus!“ Und ich bin überzeugt, es geht nicht nur mir so. Vor ein paar Jahren habe ich einmal im Urlaub mein Handy falsch bedient, wusste auch den PIN nicht und kriegte so den Apparat nicht mehr ans Laufen. Das hieß dann: 12 Tage ohne Handy. Ich fands erst schrecklich, aber hinterher war ich froh, dass ich auf diese Weise viele Reize gar nicht erst an mich heranlassen konnte. Es war wohltuend, entspannend und richtig guter Urlaub. Aber ob ich das freiwillig tun würde, weiß ich nicht.

Was Jesus mit seinem Vertrauten getan hat, würden wir heute wohl so beschreiben: er hat angehalten, die work-life-balance zu suchen. Der Ordensvater Benedikt von Nursia hat es in seiner Regel so formuliert. Ora et labora – Bete und arbeite! Oder die Regel von Taizé sagt es so: Kampf und Kontemplation! Es kann hilfreich sein, die von außen kommenden Reize zu minimieren. Ich kann andere Reize am mich heranlassen, die mich zu mir selbst kommen lassen, Musik, gute Bewegung, wohltuende Landschaften, gute Gespräche, etwas tun, was ich immer schon tun wollte.

Das was ich Ihnen gesagt habe, wird wohl auch ein guter Lebensberater sagen können. Aber es geht um mehr als gute Ratschläge zum Thema „gesünder leben“. Die Balance zwischen aktivem Tun und Ausruhen ist auch ein Weg, seinem Inneren auf die Spur zu kommen, zu sich selbst zu kommen und damit letztlich auch das Bild zu finden, das Gott von mir hat und das mein Wesen als Mensch ausmacht. Mehr Ich-Selbst-Werden hat durchaus etwas mit Glauben zu tun und in dieser Spannung wächst das Vertrauen in mich selbst und in Gott: Anpacken – und – Ausruhen.

Reinhard Bürger

1 Kommentar

  1. Guten Morgen! Ja,- es ist Zeit auszuruhen… Jede/r auf seine/ihre Weise… Danke für die Idee der Sommerkirche… Ich hoffe, sie bleibt auch über die Notwendigkeit des Abstands und der Auflagen der letzten Monate hinaus. Die Atmosphäre auf dem Kirchenplatz und mit Texten und schöner Musik und dem Zusammenkommen laden ebenfalls zur Ruhe ein…

    Bitte stellt doch den Meditationstext von Hüsch noch auf die Homepage oder sendet ihn gerne per Mail…
    Eine gute Zeit und viele Grüße, Katrin

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