Mit einem Euroschein an Stelle eines Denars, hätte die treffsichere Antwort Jesu auf die Falle der Pharisäer gar nicht mehr funktioniert. Die alten römischen Münzen trugen ein Kaiserbildnis. Da ist klar, für wen meine Steuern sind. Unsere Euroscheinen zeigen Phantasiearchitektur. Wem finanzieren wir mit unserem Geld? Bei Jesus klingt es, als sei die Sache klar. Der eine Teil des Lebens ist mit Kaiser überschrieben: der Politische und Gesellschaftliche; und der andere, Gott, bezeichnet das Innere, das Spirituelle, das Gewissen. Trennt Jesus also das „Weltlcuhe“ vom „Frommen“, die Politik und die Mystik? Diese Trennung steckt in vielen Köpfen, doch: genauer hinschaut, verschwimmt die Klarheit schnell und beunruhigend.
Das Evangelium sagt über Jesus, dass er die Absichten der anderen „durchschaute“. Wer könnte heute von sich sagen, dass er seine Lebensbezüge durchschaut … wer auf mich wie Einfluss hat?! Dass der Euro keine Herrscherportraits zeigt, spiegelt unsere Wirklichkeit ganz gut wider. Mit jedem Geld, das wir ausgeben, dienen wir Mächten, die gar nicht so recht zu fassen sind. Ein ganz simples Beispiel: Weiß ich, wie meine Bank mein Geld anlegt, ob sie es in transparente, saubere Projekte investiert und nicht in dubiose Geschäfte? Haben Sie die Übersicht? Es wäre kein Wunder, wenn noch nicht einmal die Bank die Übersicht hätte.
Das Beispiel mit dem Geld scheint für unser Lebensgefühl insgesamt zu stehen: Den Überblick verloren zu haben: Was wir lenken oder wie wir gelenkt werden (das Netz, in dem wir uns mehr und mehr bewegen, spielt da sicher die entscheidendste Rolle). In der politischen Auseinandersetzung zurzeit bekommt das etwas geradezu Destruktives. Der Protestsong der 68er: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, klingt wieder aktuell, hat nur die Farbe und die Seiten gewechselt.
Schauen wir, auf diesem Hintergrund, zurück ins Evangelium, welche kritischen Anfragen Jesus für uns heute hat. „Kritisch sein“ heißt ja: unterscheiden – und genau das tut Jesus: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, aber – gebt dem Kaiser nicht, was Gott gehört!
Die erste Aufforderung ist: Gebt dem Kaiser!! Zur Zeit der Urkirche (also die urspr. Adressaten unseres Textes) war das durchaus strittig: Zu meinen, man habe mit der sog. ‚Welt’ nichts mehr zu tun. Doch Jesus ist da ganz eindeutig – und diese Erinnerung bleibt wichtig: Christen sind Salz der Erde , ziehen sich nicht zurück aus den Konflikten dieser Welt. In der Nachfolge Jesu gibt es kein unpolitisches Christentum. Das war damals ja genau die Falle, die die Pharisäer Jesus stellen wollten. Das röm. Kaiserreich war ein Besatzungsmacht, aufgebaut auf der Unterdrückung fremder Völker. Und dazu hat Jesus nicht geschwiegen: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen sich Wohltäter nennen lassen. Bei euch aber soll es nicht so sein“. Diese Ansage hallt bis heute nach!
Doch die Spannweite, was Christ-sein-politisch konkret bedeutet, ist riesig und auch zwischen Christen selbst höchst kontrovers. Ein Beispiel aus unserer Zeit: Es eine lange Tradition, vor allem protestantischer und orthodoxer Auslegung unseres heutigen Textes, die meist loyal staatstreu war; wenn sie auf Russland und die Äußerungen von Patriarch Kyrill schauen, ist das bis heute so.
Umso wichtiger wird die Erinnerung an die andere Seite der Medaille: „Gebt dem Kaiser nicht, was nur Gott zusteht“! Zwar ist es gut, Macht zu haben ist gut, denn machtlos kann ich nichts gestalten. Auch Geld zu haben ist erst einmal gut, denn ohne diese Mittel geht nichts auf den Weg. Doch – überall wo Macht und Geld nicht mehr Lebens-mittel sind, sondern wo sich alles um sie dreht, werden sie Dinge, denen wir dienen und die wir anbeten, setzen sie sich an Gottes Stelle! Das ist der zentrale Punkt unseres Evangeliums: Dem Kaiser kommt keine Verehrung zu, dem Kaiser damals nicht – und den vielen Kaisern heute nicht! Das immer wie, das in den vielen täglichen Entscheidungssituationen in konkrete Alltagsmünze zu übersetzen, ist für jeden Christen eine in gleicher Weise spirituelle wie politische Frage. Das kann man da nicht mehr trennen.
„Gebt Gott, was Gott gehört“… Ich habe mich gefragt: Wie lebendig ist in mir eigentlich das Bewusstsein, dass ich vor Gott verantwortlich bin für mein Denken, Reden und Tun – und dass das, wenn das mit meinem Christ-sein nicht bloß Gerede sein soll, meine wichtigste Frage und meine erste Loyalität ist?! Wenn ich mir dieses Fundamentes bewusst bin, ist das auf der einen Seite eine deutliche Bindung, gibt aber eine grenzenlose Freiheit, und vor allem eine große Klarheit in der Unterscheidung der Geister: * Mit Blick auf jedes Machtgebaren, * auf verächtliches Denken und Reden, * auf jede Klassifizierung, welches Leben wertvoller und weniger wichtig ist, auf jede ideologische Verengung von Religion … die Liste ist lang!
So wir Politisches und Spirituelles ineinander gehen, so ist auch mit Gebet und Handlung. Alfred Delp, der Jesuit, der sich vom Staat Hitlers nicht beugen ließ und dafür sterben musste, hat einmal gesagt: „Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen“!
