Die Zeit, in der wir leben, scheint manchmal verrückt geworden zu sein. Viele Themen bewegen uns. Nachrichten, politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen machen uns nachdenklich — manchmal auch sprachlos. Und eigentlich sehnen wir uns doch alle nach ein wenig Frieden, nach Ruhe, nach Sicherheit und Orientierung. Doch vieles scheint immer schneller zu werden. Immer neue Ereignisse fordern unsere Aufmerksamkeit. Immer wieder fragen wir uns: Was können wir tun? Was kann ich als einzelner Mensch überhaupt bewirken?
Die Antwort darauf fällt nicht leicht. Oft liegt der Gedanke nahe: Das müssen doch „die da oben“ klären. Meine Stimme zählt doch kaum. Mein Beitrag macht doch keinen Unterschied. So verlieren wir als Einzelne scheinbar an Gewicht — und manchmal auch an Mut. Unser Selbstvertrauen wird kleiner. Vielleicht verlieren wir sogar ein Stück weit den Glauben daran, dass Veränderung möglich ist.
Ich persönlich habe aber vor Kurzem im Urlaub wieder neuen Mut gefunden.
Im September war ich mit meiner Familie in Rom. Natürlich standen auch die päpstlichen Basiliken auf unserem Programm, die ich meinen Eltern und meinem Bruder gerne zeigen wollte. Als wir vor der Basilika St. Paul vor den Mauern standen, fiel mein Blick auf ein Bildnis: Eine Hand streckte sich durch ein Gefängnisgitter hindurch nach außen. Nicht die große, beeindruckende Basilika mit dem Grab des Apostels Paulus hat mich in diesem Moment am meisten bewegt. Es war diese Hand. Eine Hand, die sich mir entgegenstreckte. Dazu der Satz aus dem Matthäusevangelium:
„Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25,36)
In diesem Moment hatte ich das Gefühl: Das ist Paulus, der mir die Hand reicht. Und noch mehr: Ich hatte das Gefühl, dass diese Hand des Paulus zugleich die Hand Jesu ist.
Mir wurde plötzlich sehr deutlich: Diese Hand kann jede Hand sein, die sich mir entgegenstreckt. Jeder Mensch, der mir begegnet, kann mir Christus zeigen. Im Nächsten kann ich Christus begegnen. Dieser kurze Moment hat mich tief berührt. Es war zunächst nur ein persönlicher Augenblick. Und doch steckt darin eine große Kraft: Was würde geschehen, wenn wir uns wirklich darauf einlassen würden, dass Christus uns im Nächsten begegnet?
• Vielleicht in dem Menschen, der uns braucht.
• Vielleicht in dem Menschen, der uns herausfordert.
• Vielleicht in dem Menschen, der uns fremd ist.
• Vielleicht sogar in dem Menschen, mit dem wir uns schwer tun.
Welche Konflikte unseres Alltags könnten sich verändern, wenn wir einander mit diesem Blick begegnen? Wie viel Unruhe könnte sich legen? Wie viel Frieden könnte wachsen — in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unserer Gesellschaft? Vielleicht beginnt Frieden nicht zuerst „da oben“. Vielleicht beginnt er dort, wo ich dem anderen die Hand reiche. Oder dort, wo ich erkenne: Eine ausgestreckte Hand ist nicht nur eine Bitte. Sie kann auch ein Geschenk sein.
Wagen wir es also gemeinsam, den Nächsten neu zu sehen. Wagen wir es, unsere Gemeinden auf dieser Haltung aufzubauen: dass wir in jedem Menschen Christus begegnen können. Dass er uns im anderen entgegenkommt. Dass er uns vielleicht gerade dort etwas schenken möchte, wo wir es am wenigsten erwarten. Wenn wir so leben, dann sind wir nicht machtlos. Dann leisten auch wir einen Beitrag — zu mehr Ruhe, zu mehr Menschlichkeit und zu mehr Frieden. Denn Christus reicht uns die Hand. Immer wieder. Im Nächsten.
Thomas Janocha
