„Und plötzlich war da bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Herrlichkeit Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen des Wohlgefallens.“

So, liebe Schwestern und Brüder,

haben wir es gerade im Evangelium gehört.

Der Evangelist sagt, daß die Engel „sprechen.“ Aber schon den ganz frühen Christinnen und Christen war klar, daß das Sprechen der Engel ein Singen gewesen sein muß, ein Singen, in dem der ganze Glanz der Freude der Weihnacht spürbar Gegenwart wird. Und dieser Lobgesang der Engel ist seit dem nicht mehr verstummt. Die verfolgten Christinnen und Christen in den Arenen Roms sangen angesichts der Tiere, die sie fressen wollten, die Nazis in Auschwitz wußten, daß Maximilian Kolbe in seiner Zelle gestorben war, weil kein Gesang mehr zu hören war. Überall, wo Menschen an diesen Jesus glauben, der heute in Bethlehem geboren wurde, da wird gesungen, weil die Freude, die in der Weihnachtsnacht in die Welt gekommen ist, nicht zum Schweigen zu bringen ist.

Ich möchte mit ihnen in am heutigen Tag ein Weihnachtslied betrachten, das uns ausdrücklich zum Lob Gottes auffordert. „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich.“ Es ist, so habe ich den Eindruck, nicht das beliebteste unserer alten Weihnachtslieder, aber eines der theologisch gehaltvollsten und textlich originellsten unserer Lieder.

  • Singen Strophe 1
  1. Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn, und schenkt uns seinen Sohn.

Wie gesagt: eine Aufforderung, Gott zu loben, eröffnet das Lied – alle sollen gemeinsam in die Freude der Weihnacht einstimmen. Und zur Freude gehört eine freudige Melodie. Sowohl der Text als auch die volkstümliche Melodie stammen von Nikolaus Hermann aus dem 16. Jahrhundert. Ein Tanzlied zu Weihnachten, könnte man sagen. Hermann war Lehrer und Kantor in Joachimsthal in Böhmen. Er war Zeitgenosse Martin Luthers, wird 1480 in Nürnberg geboren, ist also beim Schreiben dieses Liedes schon achtzig Jahre alt. Einige seiner Lieder werden bis heute gesungen, mehr von unseren evangelischen Glaubensgeschwistern als von uns Katholiken.

„…der heut schließt auf sein Himmelreich…“ Die erste Strophe des Liedes bringt das Geheimnis von Weihnachten prägnant auf den Punkt: der Himmel ist offen! Wer sich das merkt, der weiß, was an Weihnachten gefeiert wird. Haben wir in der Adventszeit noch voller Sehnsucht gerufen: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“, wissen wir mit dem heutigen Tag: unser Rufen ist erhört worden, der Himmel ist offen!

Der Himmel ist aber nicht ein Raum irgendwo oben in fernen Höhen, sondern der Himmel ist da, wo Gott ist. Der Himmel – das ist Gottes Nähe! Und wenn der Himmel offen ist, dann berühren sich die Welt der Menschen und die Welt Gottes. Gott und Mensch kommen zusammen. Gott wird Mensch: „Er schenkt uns seinen Sohn.“ Er schenkt sich selbst!

Wenn Leute in einen Kinderwagen sehen, dann rufen sie häufig etwas wie: „Ganz der Vater!“ oder „Ein Abbild der Mama!“ Wenn wir auf das neugeborene Kind von Bethlehem sehen, wenn wir auf den Wanderprediger Jesus von Nazareth sehen, dann können auch wir rufen: „Ganz der Vater!“ Wie Jesus ist, so ist Gott: verletzlich, menschlich, demütig.

Mit einem Fremdwort nennen wir das Inkarnation, Fleischwerdung. Diese Menschwerdung, diese Fleischwerdung Gottes buchstabiert das Lied in den nächsten Strophen ganz bildreich durch.

  • Singen Strophe 2
  1. Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein, in einem Krippelein.

Gott wird einer von uns. Das heißt zuerst: er beginnt wie jeder Mensch. Er wird gezeugt, er ist ganz von Gott und ganz ein Mensch. Er ist in ganz besonderer Weise von Gott gewollt und geschaffen – wie das biologisch vorgegangen ist, ist nicht wichtig. Und so wird er geboren, wie jeder Mensch, Mutter wie Kind müssen sich quälen. Und dann liegt er da: nackt und allen Menschenblicken ausgesetzt. Und so wie er geboren wird, so stirbt er 33 Jahre später: nackt. Nacktheit ist ein Tabu. Wir wollen nicht, daß uns jedermann nackt sieht, das darf nur ein recht enger Kreis von Menschen. Schon in der Krippe läßt sich also die tiefe Erniedrigung der Nacktheit erahnen, die am Ende des Lebens Jesu stehen wird, wenn man um seine Kleider würfelt…

  • Singen Strophe 3
  1. Er äußert sich all seiner Gwalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding, der Schöpfer aller Ding.

Gott wird einer von uns und das heißt, daß er hilfloser und wehrloser wird, als so manches neugeborenes Tier. Ein neugeborener Mensch ist absolut angewiesen. Diese Einsicht macht die Bibel durch die legendarische Erzählung deutlich, daß dieses Kind der Mordlust des tyrannischen Herodes gerade noch einmal davon kommt. Gott als machtloses Kind.

„Er äußert sich all seiner Gwalt…“ – in heutigem Deutsch: freiwillig verzichtet er auf seine Macht, er gibt sie auf, obwohl er doch der Macher und Erhalter dieser Welt ist. Der Dichter spielt da auf den berühmten Hymnus des Philipperbriefes an, den wir vor allem aus der Passionszeit kennen: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Er erniedrigte sich, wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz…“

Nicht mit Macht und Gewalt wird sich der erwachsene Jesus durchsetzen. Als Diener wird er sich verstehen: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“, so wird er sein Leben einmal zusammenfassen. Und das ist ihm schon in die Wiege gelegt.

Dienen – nur so werden wir persönlich, aber auch politisch und wirtschaftlich weiterkommen: indem wir nicht krampfhaft festhalten, was wir sind und haben und unsere Bedienungsmentalität ablegen und auch einmal verzichten können, um eines anderen Menschen willen…

  • Singen Strophe 4
  1. Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran, die klare Gottheit dran.

Die vierte Strophe kreist weiter um den Gedanken der Menschwerdung Gottes. Jetzt wird es ganz plastisch: ein Gott aus „Fleisch und Blut“ wird da besungen. Das ist das, was das Große Glaubensbekenntnis so formuliert: „wahrer Gott und wahrer Mensch.“ Das ist die zentrale Frage, um die in den ersten Jahrhunderten des Christentums am meisten gerungen und gestritten wurde: ist dieser Jesus äußerlich Mensch geworden, aber innerlich Gott geblieben? Hat sich dieser Jesus nur als Mensch verkleidet? Ist er am Kreuz nur vordergründig gestorben, aber sein eigentliches Wesen war gar nicht betroffen? – So steht es nicht in den Evangelien. Da steht: „…Fleisch und Blut nimmt er an…“ So wird deutlich, wie einzigartig Gottes Nähe zu uns Menschen ist. Dieser Gedanken bleibt eine Zumutung und Herausforderung für unseren Verstand und für unseren Glauben.

  • Singen Strophe 5
  1. Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein! Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein!

Die vierte Strophe hatte gesungen. „Er wechselt mit uns wunderlich…“ und die gerade gesungene fünfte Strophe singt: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein.“ Und damit sind wir mittendrin in der im 16. Jahrhundert ganz neuen Theologie Martin Luthers. Luther spricht häufig vom „fröhlichen Wechsel“, oder vom „fröhlichen Tausch.“ und er meint damit: Weihnachten heißt nicht nur „Gott wird Mensch.“, sondern auch „Der Mensch wird Gott.“ Das ist wirklich ein Grund, um fröhlich zu sein: Gott wird Mensch, damit der Mensch Gott wird – er gibt uns Menschen „die klare Gottheit dran.“

Weihnachten meint nicht, daß Gott lediglich seinen Aufenthaltsort ändert. Er vertauscht nicht nur Himmel gegen Stall. Wir Menschen dürfen seinetwegen Tod gegen Leben, Hölle gegen Himmel und Gerechtigkeit gegen Sünde tauschen. „Das mag ein Wechsel sein…“ Er kommt uns nahe, damit wir ihm nahe kommen können. Er schenkt uns die Gottesnähe des Paradieses wieder, die Nähe, die der Mensch verloren hat, weil er selbst sein wollte wie Gott. Davon singt die sechste Strophe unseres Liedes.

  • Singen Strophe 6
  1. Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis, Gott sei Lob, Ehr und Preis.

Die Erzählung vom Sündenfall des Paradieses ist eine Parabel darüber, wie Leid und Tod in die Welt kommen: dadurch, daß Menschen sich über Menschen erheben und, noch schlimmer: dadurch, daß Menschen sich sogar über Gott erheben. Deswegen ist unsere Welt nicht mehr das Paradies, deswegen sind wir daraus vertrieben, deswegen ist es verschlossen. Ein Engel steht wachend davor.

Aber an Weihnachten kommt es zu einer Wende, sagt das Lied: Jesus ist geboren und der Wächter vor dem Paradies muß abrücken, das Paradies ist wieder möglich, weil Gott Mensch geworden ist und den Menschen die Chance schenkt, so zu leben und zu lieben wie er. Das Paradies, der Himmel, ist offen, seit jener Nacht in der Höhle bei den Hirten.

***

Da fragt ein Schüler den Rabbi: „Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?“ Und der Rabbi antwortet: „Weil sich heute niemand mehr so tief bücken will.“

An Weihnachten Gottes Nähe zu entdecken heißt also, bereit zu sein, sich tief zu bücken. Sich zu bücken über die Krippe, wo Gott unscheinbar zur Welt kommt, ganz Mensch wie wir!

Heißt  auch sich tief zu bücken zu den Schwachen und Notleidenden unserer Zeit, in denen uns das göttliche Kind begegnet: „Was ihr dem geringsten Bruder, der geringsten Schwester tut, das habt ihr mir getan.“, wird dieser Jesus einmal sagen.

Wenn einer einen geschundenen Menschen sieht, dann soll er nicht fragen: Wo ist denn Gott? Warum tut er denn nichts?

Wenn einer einen geschundenen Menschen sieht dann soll er fragen: Da ist Gott! Warum helfe ich nicht?

Der Himmel ist offen – Gott wird Mensch. Und manchmal wohnt er nur ein paar Häuser von mir entfernt.

AMEN.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Beitragskommentare