Predigt 2. Sonntag im Jahreskreis A 2023

Schwestern und Brüder,

Kuppelei ist seit dem Mittelalter ein schwerer Straftatbestand, weil es bei der Zusammenführung zweier Menschen häufig nicht um die Anbahnung einer dauerhaften Beziehung ging, sondern schlicht um Unzucht und Prostitution.

Wir diskutieren viel über Lobbyismus. Lobbyisten sind Menschen, die Wirtschaftsvertreter mit Ministern bekanntmachen, auf daß die beiden Geschäfte miteinander machen oder der Lobbyist dem Minister die Arbeit abnimmt und ganz uneigennützig einen Gesetzestext verfasst.

Die biblischen Texte des heutigen Sonntags werfen die Frage auf: Kann es Berufung sein, jemanden mit jemandem bekannt zu machen? Ist Kuppler- oder Lobbyist-Sein in bestimmten Bereichen Berufung?

Berufung ist Zufall – unsere Berufung fällt uns zu. Eine Berufung suchen wir uns nicht aus, wie wir uns etwas aus einem Katalog aussuchen. Man kann nach seiner Berufung nicht stöbern.

Es ist vielmehr so, daß eine Situation ruft: „Ich brauche jetzt dich und deine Fähigkeit.“

Oder jemand fragt mich: „Kannst du mir jetzt helfen?“

Oder mir geht auf: „In dem was ich da gerade tue, da bin ich richtig gut.“

All diese Situationen sind Zufall und Berufung zugleich. Es fällt uns etwas zu und gerade darin ruft uns Gott!

Ein Studium kann Berufung sein. Eine Freundschaft kann Berufung sein. Jemandem zur Seite zu stehen kann Berufung sein.

Zur Berufung wird etwas da, wo ich beginne, die Situation als Gegenwart Gottes zu verstehen, wo ich die Aufgabe ergreife und annehme und wo meine Berufung auch angenommen wird.

Ein Mann muss sich für seine Freundin ebenso entscheiden, wie sie sich für ihn. Erst dann kann aus dem Zufall einer Begegnung die Berufung zur Ehe werden. Wer in einen Orden eintreten oder Priester werden will, muss sich dazu entscheiden – aber die Kirche muss sich auch für sie oder ihn entscheiden. Wer sich entschieden hat, in einem bestimmten Betrieb zu arbeiten, braucht die Zusage des Betriebes. So wird aus einem bloßen Job die Berufung, eine Arbeit wirklich gut und verantwortungsvoll zu machen.

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Johannes der Täufer ist zum Kuppler berufen. Wir wissen nicht, welcher Zufall es war, durch den Gott ihn berufen hat. Vielleicht hat er das Unrecht und die Ausbeutung in Israel gesehen und in der Bibel davon gelesen, wie man miteinander und mit Armen in den Augen Gottes umgehen sollte. Aus solchen Erfahrungen werden Propheten wie Johannes geboren.

Vielleicht haben ihn solche Erlebnisse so aufgeregt und aufgerüttelt, dass ihn das in die Wüste getrieben hat, wo ihm klar geworden ist: das alles war kein Zufall. Er erkennt mit einem Mal: seine Berufung ist es, das Volk Israel mit dem Heiligen Gottes bekannt zu machen, sie zu verkuppeln. Johannes wird klar: Prophetenberufungen sind nicht etwas aus grauer Vorzeit, sondern die passieren noch immer. Er ist so ein Prophet, berufen, den Bund Gottes mit seinem Volk zu erneuern und „um Israel mit ihm bekannt zu machen“, wie Johannes selbst sagt.

Johannes ist klar, daß er nicht selbst der Messias ist. Damit aber der Messias, der Christus, der Gesalbte, zu den Menschen kommen kann, braucht es Rufer und Wegbereiter. Gott beruft Männer und Frauen zum Kupplerdienst zwischen sich und den Menschen. Und das ist eine ganz besondere Berufung, das Alte Testament sagt, eine priesterliche Berufung. Auf diese Berufung hin sind wir getauft und gefirmt worden. Beide Male sind wir auf diesen besonderen Dienst hin mit Öl gesalbt worden. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht nach Kupplern und Kupplerinnen sucht, die dabei helfen, daß sich zwei Liebende finden: Gott und die Seele.

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Wer berufen wird, wird, wie wir unserer Lesung aus dem Buch Jesaja entnehmen können, zum Knecht. Da steht ausdrücklich: „Du, Jesaja, bist mein Knecht.“ „Schon im Mutterleib“ ist er berufen worden, sagt Jesaja. Und Jesaja stimmt dieser Berufung zu. Für mein Empfinden kommt Jesajas Ja zu dieser Berufung reichlich selbstverständlich. Da wird ziemlich glatt von dem berichtet, was sicherlich auch ein Ringen, Fragen und Zweifeln gewesen ist, bis sich für Jesaja alles geklärt hatte…

Die Bibel berichtet uns häufig von einzelnen Berufenen – heute von Johannes und Jesaja. Und dann kommt es uns manchmal vor, als berufe Gott nur solche Leuchttürme und Ausnahmegestalten. Das ist aber nicht so! Wir alle sind Knechte und Mägde Gottes, schon im Mutterleib dazu berufen, Gott zu dienen. In der Taufe wird diese Berufung, die wir alle haben, beglaubigt und besiegelt. Wir sind alle zusammen Priesterinnen und Priester, dazu berufen, die Menschen mit Gott bekannt zu machen, sie zu verkuppeln. Das letzte Konzil nennt das das „allgemeine Priestertum aller Getauften“, das es neben dem Priestertum durch die Weihe gibt.

Dem Propheten Jesaja wird in der heutigen Lesung gesagt: „Es ist zu wenig, daß du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“ Solch eine Entgrenzung wohnt jeder Berufung inne, wenn sie von Gott kommt. Jesaja überwindet die Grenzen von Stamm und Volk.

Solch eine Entgrenzung passiert auch durch uns, wenn wir hier bei uns unser Glaubenslicht weitergeben. Wie ein Staffelstab werden dann die, denen wir Licht gegeben haben, auch ihr Licht weitergeben „bis an das Ende der Erde.“

Ich wünsche uns allen reichen Segen als Kupplerinnen und Kuppler zwischen Gott und den Menschen!

Amen.

Stefan Wallek

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