„Das größte Elend des Menschen ist es, vergessen zu haben, dass er ein Königssohn ist“, so heißt eine chassidische Weisheit. So wie Menschen, die ihre Heimat verloren haben, sich entwurzelt und entfremdet fühlen, ist es mit uns Menschen insgesamt, wenn wir unsere göttliche Herkunft, unsere göttlichen Wurzeln vergessen haben, so die Idee dieser Lebensweisheit.
Aber fehlt uns wirklich etwas, wenn Gott fehlt? Viele Menschen heute werden das nicht empfinden. Sie haben nicht nur Gott vergessen, sondern sogar vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Wie ist es bei Ihren Kindern, ihren Enkeln? Glücks- und Aufstiegsversprechen, die Hoffnung auf ein gelingendes Leben machen, sind genug da. Der „Hoffnungszirkel“ schließt sich auch ganz gut innerweltlich. Da ist keine spürbare Sehnsucht nach einem „Mehr“!
Unsere chassidische Lehrweisheit würde auf diesen „Zeitgeist“ antworten: Dem Menschen fehlt nicht etwas, wenn Gott fehlt; ihm fehlt alles! Von der französicchen Philosophin Simone Weil, Mitte letzten Jahrhunderts lebte sie, erst strikt Atheistin und dann ein Leben lang Suchende, stammt das Wort: „Die Verwurzelung ist das vielleicht wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele“, weshalb sie in der „Entwurzelung die bei weitem gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft“ sah.
Unsere Lesung erzählt von unserer Verwurzelung, unserer königlichen Herkunft. Es ist eine Paradiesesgeschichte. Aber, und das ist das Besondere, sie erzählt von einem Paradies, das noch vor uns liegt: „Dann, an jenem Tag, wohnt der Wolf beim Lamm und der Panther liegt beim Böcklein… Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleines Kind kann sie hüten“. Es kommt der Tag, so die Vision, da werden wir die verlorene Heimat wiedergefunden haben; eine Welt, die nicht mehr die Welt ist, wie wir sie kennen – wo die Großen die Kleien fressen und nur das Gesetz des Stärkeren gilt.
Jesaja möchte mit seinem Traum einen Weg der Hoffnung für Menschen aufzeigen, die vor allem eines kennen: Weg-losigkeit und Hoffnungs-losigkeit! Es ist ein Trostwort für Menschen am Ende. Bei ihm ist es konkret das durch die aggressive Großmacht Assur bedrohte judäische Volk.
Dem Untergang geweihte Völker, Menschen, denen nur Weg- und Hoffnungslosigkeit zugebilligt wird, das ist keine ferne Vergangenheit, sondern leidvolle Menschheitsgeschichte durch alle Zeiten – und es wird sie geben, solange es Menschen gibt: Menschen, die sich erleben wie ein gefällter Baum: Juden, nicht nur in der Nazizeit; Armenier 1915 in der Türkei. Heute sind es etwa Uiguren in China; Menschen im Sudan, wo 14 Millionen Menschen innerhalb des Landes heimatlos wurden; Palästinenser, die zerrieben werden zwischen den Fronten. Menschen, die zum Strandgut werden, die ohne jede Schuld von einem Tag zum anderen alles verlieren: Familie, Hab und Gut, Heimat. Im günstigeren Fall verlieren sie nur ihre Rechte, oft genug aber auch ihr Leben. „Wege der Hoffnung“, den Peinigern dieser Welt wird ein solches Wort nur zynisch über die Lippen kommen.
Ihre Würde erhalten sich die Gedemütigten oft wirklich nur durch die Erinnerung an ihre Herkunft, dass das erlebte Elend nicht alles ist, dass sie „Königskinder“ sind. Darum geht es Jesaja. Den Deportierten sagt er zu: Ihr seid wie ein abgehauener Baum. Aber in den Wurzeln – in dem, wo ihr herkommt, liegt eine Kraft, die stärker ist als alles, was sie Euch antun – Eure Würde! Und darin wird auch die Kraft für einen Neubeginn sein: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis empor…!“
Die Jesajalesung ist Gedemütigten ein Hoffnungswort, doch kann sie uns einen Weg der Hoffnung aufzeigen? Können wir sie überhaupt verstehen? Haben wir ein Empfinden bewahrt, wie wenig selbstverständlich unsere vermeintlichen Sicherheiten sind? Was ist es beispielsweise für eine Gnade, dass wir nicht auf der Flucht sind, nicht hungern, nicht verfolgt werden? Reiner Zufall ist es, weil wir zufälligerweise hier geboren wurden. eine sichere Heimat haben?
Ein kurzer Text dazu, der nachdenklich macht: „Ich bin heute Morgen aufgestanden, habe Wasser aus der Leitung in ein Glas laufen lassen und es getrunken. Einfach so. Dann habe ich mir ein Brötchen geholt. Während ich das tat, ist neben mir kein Haus explodiert. Auf dem Weg zurück wurde ich nicht für meine Hautfarbe bedrängt oder ermordet. Ich sitze in einer Wohnung, die selbst bei Regen trocken bleibt und habe einen Computer inklusive Internet, mit dem ich Zugriff auf das nahezu gesamte Wissen der Menschheit habe – während ich mein Brötchen esse. Vielleicht hole ich mir gleich noch ein Glas Wasser. Ob ich es trinke oder einfach stehenlasse – mal sehen. Kommt nicht drauf an! Um in dieser Situation zu sein, musste ich nicht Menschen zurücklassen, die ich liebe. Ich musste nicht mein Leben aufs Spiel setzen oder mich einer entwürdigen Prozedur unterziehen. Ich hab es – einfach so!“
Der Advent beginnt, wenn uns dieser Riss durch die Welt berührt, vielleicht sogar erschüttert, weil wir erst dann begreifen, was Jesus meint, wenn er sagt: „Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“. Advent beginnt, wenn es in uns ein Hunger und Durst über uns hinaus gibt. Welchen Sinn hätte sonst die Botschaft, dass Gott sich aufmacht? Wohin sollte er sich aufmachen, wenn wir ihn nicht ersehnen?
„Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“, so werden wir Weihnachten wieder singen. Darin liegt die Botschaft des Advents: Die Blickrichtung im Leben zu ändern, nicht nach oben zu schauen, auf die Erfolgsspur, sondern nach unten, zu den Kleinen; dort begegnet uns Gott.
„Wo Hoffnung hernehmen? Halt inne – hier“. Bei der Vorbereitung hat mich das Bild vom Anker als Symbol für die Hoffnung sehr angesprochen. Mir ist dazu ein Wort aus dem Hebräerbrief eingefallen, wo es (sinngemäß) heißt: „Wir ergreifen die dargebotene Hoffnung – Christus – in der wir einen sicheren Anker der Seele haben“. Allein ER schenkt Leben und gibt dem Leben eine unzerstörbare, eine königliche Würde. „Das größte Elend ist es, vergessen zu haben, dass wir Königskinder sind“. Unsere größte Hoffnung und Würde ist: Dass wir es sind, dass wir heimkehren. Ame
