5. Sonntag im Jk. B

Leer-geklagt,

leer-geweint,

leer-gehofft.

Innehaltend, in sich gekehrt, restlos erschöpft. So erscheint mir Hiob in der Bibel.

Für tiefes, sinnloses Leiden, für Schmerz, für Kummer steht sein Name: Hiob. In der Einsamkeit, unter körperlichen und seelischen Qualen, allen Besitzes, aller Kraft und aller Zukunft entblößt, hält Hiob Stand. Viele würden in solch einer Situation wortlos. Hiob jedoch verstummt nicht. Sein Warum verhallt, nicht aber seine Stimme.

Mit „Hiob“ könnte jeder Mensch auf der Flucht, in schwerer Krankheit, im Sterben, in den Kriegen und im Terror unserer Zeit angesprochen sein.

Ja, denn Hiob ist in seiner Klage, in seinem Schmerz und seiner Einsamkeit exemplarisch. Aus fernen Jahrhunderten, aus unterschiedlichsten Epochen gibt es Vorläufer der biblischen Hiobsdichtung, und jede Zeit bringt ihre eigenen Hiobserzählungen, Aktualisierungen, Neudichtungen und Interpretationen hervor. Zum geflügelten Wort ist die Hiobsbotschaft geworden, die mit menschlichem Maß nicht fassbare schlechte Nachricht. Sie betrifft den Menschen in seiner ganzen Existenz, sie zieht den Boden unter den Füßen weg, sie lässt die Himmelsrichtungen erzittern. Sie kündigt nichts als Chaos, einen Urzeitsturm, ein Unwetter, eine Qual an. Verlust ohne Sinn, Einsamkeit ohne Rettung, Fragen ohne Antwort.

Hiobs eigene Botschaft, sie besteht aus Bildern großer Dramatik. Hiobs Botschaft ist krass, ungeschönt, unerbittlich. Hiobs eigener Text, seine Botschaft nimmt mich mit in ein Selbstgespräch. Hiob findet Worte und Bilder für Erfahrungen, welche die meisten Menschen verstummen und versteinern lassen

Hiob verstummt nicht. Er redet. Er wendet sich zu Gott. Er spricht Gott an: „Wenn des Menschen Tage feststehen, die Zahl seiner Monde bei dir, wenn du seine Grenzen gesetzt hast, die er nicht überschreiten kann, dann blicke weg von ihm, dass er Ruhe findet, dass er sich seines Tages freuen kann wie ein Taglöhner.“

Hiob fügt sich nicht in sein Schicksal. Er ergibt sich nicht. Niemand kann ihn von seinen Fragen abbringen, niemand kann seine Gewissheit erschüttern: Es liegt doch nicht an meinem Tun, dass es mir so gut wie damals ging oder so schlecht wie heute geht. Diese Sterblichkeit, mein geschundener Leib, die eiternden Wunden und wuchernden Geschwüre sind nicht Folge meiner Fehler. Sie sind Teil meiner Menschlichkeit. Teil meines Menschseins vor Gott. Den Lügen der Tröster schleudert er seine Fragen entgegen. Und er richtet sie direkt an Gott. Es bleibt nicht beim Selbstgespräch.

Hiobs eigene Botschaft ist kein Monolog, sondern ein Dialog. Ein echtes Gespräch, ein Streiten, eine Widerrede. Hiob erkämpft sich ein Gegenüber für seine Fragen und seine Qualen. Hiob streitet mit Gott. Fragt und klagt und rechtet. Um Hiobs willen werden die alten Bilder von Gottes Allmacht und Gottes Ferne, von seiner Majestät und seiner Gerechtigkeit zerstört. Tun und Ergehen der Menschen stehen in keinem Wechselverhältnis, keinem Zusammenhang. Gottes Herrschaftsmacht ist nicht unendlich. Seine Gerechtigkeit ist nicht berechenbar. Gott wird seiner Potenz entkleidet. Was bleibt von Gott?

Für Hiob bleibt von Gott – ein Du.

Oder wird Gott hier, erst hier, angesichts von Hiobs Erfahrungen, zum Du?

„Du würdest rufen, und ich gäbe dir Antwort …“ (Hiob 14,15)

Der rufende Hiob sucht den rufenden Gott. Mit seinem ganzen Möglichkeitssinn streckt Hiob seine Seele, seine Sehnsucht zu Gott aus. Hiob erwartet, dass Gott ihn ruft. Dass Gott sich sehnt, dass Gott es hell werden lässt.

Hiobs Botschaft, Hiobs eigene Botschaft ist das Hoffen auf eine Erfahrung. Hiobs Erfahrung ist, dass er in der Mitte seiner Verlassenheit von Gottes Sehnsucht gefunden werden könnte. Dass er sich Gottes Sehnsucht wünschen kann.

Da braucht es neue Namen. Lieber Gott, so kann Hiob nicht sprechen oder rufen. Alle Namen werden zum Du.

Du – ersehnter Gott. Du – hoffentlich hörender Gott. Du – zärtliche Geistkraft. Du – Weisheit. Du – Geheimnis des Lebens. In diesen Namen bekommt die Sehnsucht Raum. Frieden kann einkehren – und eine verrückte, dankbare, unbändige Lust auf dieses schwere schöne Leben in diesem Augenblick.

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