Reiner Kunze, Ostern

Die glocken läuteten,

als überschlügen sie sich vor freude

über das leere Grab.

Darüber, dass einmal

etwas so tröstliches gelang,

und dass das staunen währt

seit zweitausend jahren

Doch obwohl die glocken

so heftig gegen die mitternacht hämmerten –

nichts an finsternis sprang ab.

 

Ostern – in unseren Gottesdiensten begehen wir das „mit allen Registern“. Eine ganz eigene Liturgie vollzieht sich, reserviert für diesen einen Tag, an dem wir etwas völlig Unglaubliches feiern: „Der Tod ist tot“, „Das Leben hat den Tod besiegt“. Ausgelassene Eigenriten gab und gibt es: das Osterlachen oder Ostergelächter – mit dem Sinn, den Tod der Lächerlichkeit preiszugeben. Haben wir Grund dafür?

In seinem 1984 entstandenen Ostergedicht greift der Dichter Reiner Kunze die widersprüchliche Spannung, die im Osterfest steckt, wunderbar auf: „Dass einmal so etwas Tröstliches gelang…?!“ Fast überschwänglich, wie Kinder, die einen Salto schlagen, begehen wir eine Botschaft, vor der wir seit zweitausend Jahren, mehr staunend als begreifend, stehen, ja letztlich nur stehen können.

Denn, so freudig wir die Glocken zum Fest auch läuten mögen, dennoch gibt es kein einziges Leid in dieser Welt weniger: „Nichts an Finsternis sprang ab“. Man könnte den Einwand Kunzes ironisch, als Ausdruck von Häme verstehen, frei nach dem berühmten Wort Nietzsches: „Erlöster müssten die Christen aussehen“.

Ich verstehe ihn eher als Ausdruck für eine Klage: Wäre es doch so, dass wir auch sehen könnten, was wir glauben. Kunze nimmt wahr, dass es uns einfach unmöglich ist, über den Tod zu lachen, weil seine Macht, auch nach Ostern, noch so stark ist.

Dennoch – es ist die Botschaft in der Welt, „dass einmal so etwas Tröstliches gelang“, eine Botschaft mit einer starken, weltverändernden Kraft. Und manchmal sehen wir auch, was wir glauben – nicht zuletzt in den Gesichtern und Lebensgeschichten von Menschen, die ihr Leben, ihr Hoffen und Handeln am Auferstandenen ausrichten

Eine gesegnete Osterwoche und Osterzeit wünscht Ihnen

Georg Birwer

 

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