In der römischen Antike gab es zur Zeit Jesu den Brauch, ein Neugeborenes dem Familienoberhaupt, dem pater familias zu präsentieren, indem man es vor ihm auf den Boden legte. Wenn es sein Gefallen fand und er es aufhob, war es damit als Sohn, als Tochter legitimiert. Oder aber er ließ es bei Missfallen liegen – und damit war es verworfen, wurde irgendwo abgelegt und überlebte meist nicht. Diese barbarische Unsitte kannten natürlich auch die frühen Christen, und sie klingt mit in der Stimme aus dem Himmel, die sagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“.
Angenommen oder abgelehnt zu werden, entscheidet auch heute noch, nicht nur darüber, ob ein Mensch überhaupt existieren darf, sondern auch, wie ein Mensch sein Leben erlebt.
Bei wie vielen Menschen liegt die Erfahrung oder das Gefühl abgelehnt worden zu sein oder abgelehnt zu werden, wie eine Last auf der Seele. Keiner hält das auf Dauer aus. Bei manchen geht das so weit, dass sie beginnen, sich selbst abzulehnen.
Jeder/Jede mag mal einen Moment in sich selbst hineinfühlen, wie es bei ihm ist… – Wir alle leben davon, angenommen zu sein, um uns selbst annehmen zu können. Im konkreten Alltag äußert sich das z.B. darin, dass wir schlicht anderen gefallen möchten, dass wir Lob und Ermutigung brauchen und ein Nachsehen mit unseren Schwächen und Fehlern. In unserem Inneren ist es die meist unausgesprochene Erwartung, dass es ‚hoffentlich gut mit uns gemeint ist‘. Das geht schließlich hin bis zur Glaubenshoffnung¸ dass wir unsere Existenz, unser Leben einer Liebe verdanken mögen, die über unsere Herkunft und über unseren Tod hinausreicht.
Schauen wir mit diesem Hintergrund auf unser Fest und unser Evangelium heute. Die Stimme aus dem Himmel, das ist eine Proklamation Gottes: Du bist angenommen – nicht nur im römisch-juristischen Sinn, sondern: Du bist mit ewiger Liebe geliebt! Und diese Zusage gilt nicht nur Jesus. Bewusst hat er sich in eine Reihe mit den Menschen gestellt, die am Jordan um die Taufe des Johannes bitten; Menschen also, die umkehren, neu beginnen wollen, Menschen, die voller Erwartung sind. Allen wird zugesagt: Ihr seid angenommen, mit ewiger Liebe geliebt!
Die Bedeutung der Taufe Jesu geht aber noch tiefer. Es geht um mehr als die persönlich-individuelle Zusage. Matthäus sieht die Taufe Jesu als Fortsetzung, als Vollendung von dem, was Weihnachten geschieht (weswegen das Fest heute auch den Abschluss der Weihnachtszeit bildet). Durch Jesus verbindet sich Gott mit dem Menschen. Aber darin steckt auch: Er ist hinabgestiegen in die Tiefen des Jordan. Der Jordangraben (auch geographisch ist dieser Riss in der Erdkruste ja der tiefste, für Menschen zugängliche Punkt der Erde!) steht symbolisch für die Abgründe unserer Welt, das Abgründige unseres Lebens. In unserem Glaubensbekenntnis heißt es: „Er ist hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Nicht zufällig wählt auch Johannes den Jordan für seine Umkehrtaufe, ist es dort der Fluss, durch den das Volk Israel aus der Sklaverei in die Freiheit zog.
Ihr seid angenommen bedeutet daher auch: Mit Jesus nimmt Gott den Kampf gegen die Mächte des Bösen, für das Leben, seine Unverletzlichkeit und Würde auf. Christen sind wir nie nur für uns selbst – und auch das Geschenk der Taufe ist mit einer Sendung verbunden. Das ist die Botschaft! Unverblümt direkt drückt es Petrus in seiner Predigt aus, die wir gerade als Lesung aus der Apostelgeschichte gehört haben: „Ihr wisst, was geschehen ist nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat … wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren…“.
- Mit dieser Heilung bin ich also zum einen ganz persönlich gemeint: Es gibt nichts in uns, kein Versagen, keine Schuld, kein Verdrängen, das nicht von der Liebe Jesu berührt, verwandelt und erlöst werden will. Aber wir sind eben nicht nur eine individualistische Wohlfühlreligion. Für jeden Christen geht es immer auch um die Heilung, die Heiligung unserer Welt… d.h.:
- Die Heilung, die von Jesus ausgeht, zielt auch auf die „Strukturen des Bösen“ (Buchtitel von Eugen Drewermann). Kein Machthaber dieser Welt und keine Kirche, die sich auf ihre Seite schlägt, kann Jesus, kann den Glauben an ihn in Anspruch nehmen seinen Größenwahn, für Gewalt und Menschenverachtung, für alles, was Menschen trennt, was sie unterdrückt und leiden lässt
Ihr seid angenommen“! Gehen wir mit diesem Lebens- und Liebeswort Gottes in das vor uns liegende Jahr – und: Schenken wir dieses Angenommen-sein auch einander, so wie wir uns heute den Segen zugesprochen haben, wie es die Sternsinger in diesen Tagen in die Häuser bringen, wie wir es nachher den Mitgliedern des neuen Gemeindeteams zusprechen werden.
Ich selbst möchte diesen Wunsch am Schluss noch mit Worten eines anderen ausdrücken, mit denen von Kardinal Christoph Schönborn, mit denen er sich vor einem Jahr aus der Erzdiözese Wien verabschiedet hat (eine mich sehr berührende Predigt – man kann sie bei Youtube noch nachhören; Quelle: „Eine ehrliche Bilanz“, Predigt von Kardinal Christoph Schönborn bei der Dankesfeier im Stefansdom): „Mein größter Wunsch (an Sie zu meinem Abschied) ist: Das gegenseitige Wohlwollen. Es sollte nie verlorengehen, auch wenn wir miteinander Konflikte haben. Die Italiener sagen, wenn sie gegenseitig ihre Liebe ausdrücken: ‚di voglio bene‘, ich will dir gut. Wohl-wollen einander zu schenken. Wenn es stimmt, dass Gott die Liebe ist, dann kann er nur Wohlwollen sein, grenzenloses Wohlwollen.
Aber dann werden Sie mich fragen, und ich frage es mich selbst: Warum gibt es dann so viel Not und Leid in der Welt? Wo ist da Gott? Er ist in unserem Wohlwollen, das wir einander schenken. ‚Di voglio bene‘“
