4. Sonntag der Osterzeit B

Man könnte es glatt für überheblich halten, wenn Jemand von sich sagt, er oder sie sei der oder die Beste. Der ehemalige Präsident der USA, Donald Trump, behauptet ja von sich, er sei der beste Präsident gewesen, die die USA jemals gehabt hätten. Oder erinnern wir uns an Muhammed Ali, den Boxer, der das Maul auch immer recht voll genommen hat in seiner Selbsteinschätzung. Oder auch wenn es die Kandidatur für ein Staatsamt geht, wie häufig erleben wir, dass da welche von sich behaupten, sie seien die besten für diese Aufgabe. Es kann schnell überheblich wirken, wenn ich mich selbst immer für den Besten halte, der für etwas in Frage kommt.

Ist es dann nicht auch überheblich, wenn Jesus von sich sagt, er sei der Gute Hirt – und eben kein kleiner Angestellter, der für Geld arbeitet. Persönlich glaube ich, dass Jesu das so niemals gesagt hat und dass diese Formulierung tatsächlich auf denjenigen zurückgeht, der das Evangelium geschrieben hat, viele Jahre nach dem Tode Jesu. Was aber der Autor des Evangeliums sicherlich nicht tun wollte, ist es, Jesus wie in einem Casting vorzuführen: seht her, ich bin der Beste.

Aber es geht darum, das Wesen und auch das Programm Jesu darzustellen. Und dazu nutzt er den Vergleich, der auch uns heute noch sehr eingängig ist: auch hier in Scharnhorst am Rande einer Großstadt gibt es Schafe, gibt es eine Herde und gibt es Schäferinnen und Schäfer, die sich um das Ganze kümmern. Und was eine Frau oder ein Mann für seine Schafe positiv tut, wird vom Evangelisten beschrieben:

  • Sie lassen die Schafe nicht allein, wenn es gefährlich ist.
  • Sie sind mit den Tieren vertraut und auch die Schafe wissen, an wen sie sich zu halten haben.
  • Sie setzen sich ein für ihre Tiere.
  • Sie sorgen für den Zusammenhalt, d.h. sie kümmern sich darum, dass der Laden läuft.

Das ist gewissermaßen das Selbstverständnis Jesu. So sieht er seine Aufgabe. Und diese Aufgabe hat er sich nicht selbst ausgedacht, sondern ist überzeugt, dass sein Vater im Himmel ihm diese Aufgabe zugedacht hat.

Dieses Selbstverständnis hat die Kirche schon in ihrem Anfang übernommen und sich so definiert. Es gibt in der frühchristlichen Kunst viele Darstellungen von Jesus als einem Hirten, dargestellt mit einer ganzen Schafherde und mit einem einzelnen Schaf, das er auf seinen Schultern trägt.

Auf Lateinisch heißt Hirt „Pastor“ und dieser Wortstamm kommt häufig vor, wenn die Kirche ihr eigenes Tun beschreibt:

  • Im letzten Konzil gibt es die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“.
  • In den Diözesen und Pastoralen Räumen gibt es Pastorale Konzepte.
  • In unseren Pastoralen Räumen gibt es ein Pastoralteam.
  • Die Seelsorgerinnen und Seelsorger werden oft als Pastor und Pastorin bezeichnet.

Egal in welchem Zusammenhang wir dieses Wort gebrauchen, damit binden wir uns schon vom Selbstverständnis her an den, der für sich selbst dieses Programm verwirklicht hat. Und so ist letztlich jede Erzieherin im Kindergarten eine Pastorin, ein Lehrer kann ein guter Pastor sein. Familienmitglieder können füreinander Hirte – Pastor sein, wenn die Generationen füreinander sorgen. Und jeder Mensch kann Pastor – Hirte im Sinne Jesu sein, wenn er weiß, dass es nicht nur seinen eigenen Stall gibt, sondern dass es auf der Welt noch viele andere Herden gibt. So hat der Hirt immer einen weiten Blick, der über den eigenen Zaun hinausgeht. Und dieser Blick reicht auch nicht nur bis zur nächsten Mahlzeit, sondern auch bis morgen und übermorgen.

Was der Evangelist Johannes mit seinem Vergleich vom Guten Hirten beschreibt, ist also Programm für die Kirche, Leitbild. Umso schmerzlicher spüren wir, wie oft die Kirche diesem Leitbild nicht entspricht, wo sie autoritäre Macht ausübt oder Menschen missbraucht und ausbeutet. Umso schmerzlicher ist es zu erfahren, dass Menschen die Kirche verlassen, weil sie sich nicht anerkannt wissen oder spüren, dass sie nicht gewollt sind. Zurzeit, wo wir pandemiebedingt genauer in unserer Welt hineinschauen müssen, lädt uns der Ökumenische Kirchentag in drei Wochen ein „Schaut hin!“ Schaut auf die Welt, wie sie sich verändert, aber schaut auch auf unser eigenes Leitbild. Und da kann uns das des Hirten auch heute noch hilfreich sein.

Reinhard Bürger

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