3. Sonntag der Osterzeit C, 1. 5. 2022

Das Netz zerriss nicht. Was wäre passiert, wenn das Netz der Fischer zerrissen wäre. Die 153 großen Fische wäre wieder zurück in die Freiheit des Sees gezappelt und die Menschen am Ufer wären leer ausgegangen. Obwohl in der Erzählung nur ein beiläufiger Nebengedanke, aber durchaus bemerkenswert.

Denn wie oft zerreißen Netze?

Ein Handytelefonat ist plötzlich gestört: ich habe kein Netz mehr…

Eine marode Autobahnbrücke ist gesperrt, das Verkehrsnetz bricht zusammen und endet in Staus.

Das Netz der Verwandtschaft ist gestört und so steht ein eine Hälfte der Familie rechts vom Grab und die andere links davon und dazwischen ist eine große Leere.

Das Netz einer Freundschaft ist zerrissen, und keiner weiß warum.

Das Einkaufsnetz für das Obst ist im Supermarkt zerrissen und die Äpfel kullern durch den Verkaufsraum und enden als Fallobst.

Das Netz internationaler Verbindungen reißt ab und so muss es der Generalsekretär der Vereinten Nationen erleben, dass die Hauptstadt der Ukraine beschossen wird – gerade in dem Augenblick, als er sich dort zu Friedensbemühungen aufhält.

Wir könnten unendlich viele weitere Gelegenheiten auszählen, wo Netze zusammenbrechen und reißen, die eigentlich alles zusammenhalten sollen.

Da kommt dann die Nachricht: das Netz hat gehalten. Nicht nur, dass es zur Kooperation mit den Konkurrenten gekommen ist, viel mehr noch: das Netz ist ein Symbol für den Zusammenhalt der Menschen, in diesem Fall der Fischer. Diese Erfahrung ist eingebettet in die nachösterliche Erfahrung in der Jüngerschaft Jesu: er ist auferstanden und lebt. Ein Erweis dafür ist die Tatsache, dass das Netz der Menschen, die ihm vertraut haben, nicht zerrissen ist. Diejenigen, die sich davonschleichen wollten und schon in Emmaus angekommen waren, werden durch die Begegnung mit dem Auferstandenen wieder zurückgeschickt in das Netzwerk der Jünger Jesu und sie beginnen alle zu erzählen: Habt ihr nicht auch… Hört mal her… Was wir euch noch sagen wollten… Sie tauschen sich aus, sie fangen an zu staunen, sie gewinnen wieder Sicherheit. Und irgendwann trauen sie sich wieder auf die Straße.

Als Corona anfinge vor über 2 Jahren, sind bei uns manche Netzwerke zusammengebrochen, die regelmäßigen Treffen konnten nicht mehr sein. Manches geriet in Vergessenheit. Manch einer hat sich bewusst aus dem Staube gemacht, weil die Gelegenheit gerade so günstig war. Aber es sind neue Netze entstanden, Telefonketten, WhatsApp-Gruppen, Internet-Kontakte, und so mancher wertschätzende Blick über große Distanzen hinweg. Die Gruppen in unseren Gemeinden trafen sich nicht bei Kaffee und Kuchen in einem Gemeindehaus, sondern zu Hause vor dem Bildschirm in Socken und Schlabberlook. In dieser Krisenzeit war es wichtig, neue Netzwerke zu entwickeln, damit das Leben weiterging. So war es wichtig für die Jüngerschaft Jesu, auf dem aufzubauen, was ihr Meister grundgelegt hatte: die Verbindung untereinander wertzuschätzen und zu beleben: sich gegenseitig von dem zu erzählen, was einen bewegt; sich gegenseitig zu tragen, zu ertragen und zu ermutigen.

In der Weltgeschichte erleben wir zur Zeit, dass eher Netze in Frage gestellt werden: Lieferverträge stehen zur Disposition, internationale Verflechtungen werden aufgekündigt, auch Treffen unter den kirchlichen Vertretern der verschiedenen Konfessionen werden in Frage gestellt. Ehrliche Gespräche scheinen nicht möglich sein.

Und wenn ich meine kleinen privaten Zusammenhänge schaue, was kann ich denn tun, um verfahrene Situationen zu entschärfen? Oder muss man es einfach hinnehmen, wenn mal ein Netz reißt? Oder müssen nicht dann Netze gekappt werden, wenn es nicht mehr ehrlich ist? Müssen Beziehungen unterbrochen werden um des Friedens willen?

Die Botschaft von der Auferstehung jedenfalls wertet es als Erfolg, dass die Netze dem Druck der vielen Fische standhalten. Deshalb dürfen auch wir selbst immer wieder Begegnungen suchen, Kontakte aufbauen, Nähe zulassen, – österliche Hoffnung.

Reinhard Bürger

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