10. Sonntag im Jahreskreis B, 6. Juni 2021

Wenn man mit Menschen über ihr Leben ins Gespräch kommt, etwa bei einem Beileidsbesuch anlässlich einer Beerdigung, dann erfährt man nicht selten davon, dass erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern irgendwann abgebrochen haben. Für die Eltern oft ein großer Schmerz, und viele verstehen auch nicht, war um das so ist. Es gibt ganz viele Gründe: Lebenskonzepte, die zu unterschiedlich sind; Temperamente, die sich nicht miteinander vertragen; Bevormundung und ein ängstliches Sich-Klammern; tief sitzende Verletzungen aus Kindertagen. Über vielen Familien liegt ein Schatten von Trennung und Zerrissenheit, Fremdheit. Der Raum der Familie ist zu eng geworden, die Vorstellungen vom Leben zu offen, zu liberal, als dass man es noch zusammen aushalten könnte.

Dieser Konflikt zieht sich auch durch die Familie eines Bauhandwerkers, also eines kleinen Unternehmers in der Stadt Nazareth. Die Großfamilie hat einen Sohn, den es nicht zu Hause gehalten hat. Er hat sich nicht in das Unternehmen eingebracht, nicht den Laden von seinem Vater übernommen, sondern ist abgehauen und schlägt sich jetzt mit ein paar Gefolgsleuten durch die Dörfer der Umgebung. Er redet in aller Öffentlichkeit, er kann die Menschen faszinieren, aber er stößt sie auch vor den Kopf und entlarvt so manche Heuchelei und Falschheit.

Seine Familie reagiert darauf ganz normal, sie sagen: der ist bekloppt. Sie können seinen Lebensstil nicht akzeptieren. Er beschmutzt die Ehre der Familie. Sie wenden Gewalt an, um ihn auf den Pfad der Tugend zurückzuholen. Ich werde hier heftig erinnert an Meldungen aus unseren Tagen, wo junge muslimische Frauen von ihren Brüdern mit Gewalt zur Familie zurückgeholt werden, wenn sie einen anderen Lebensstil pflegen. Ein selbst bestimmtes Leben ist in beiden Fällen nicht möglich.

Aber der missratene Sohn bleibt stur. Er will nicht zurück in die Enge seines Heimatdorfes und in die Enge seiner Sippe. Auch seine Mutter Maria findet keinen Zugang mehr zu ihm. Es war der letzte Versuch, im Markusevangelium kommt sie dann nicht mehr vor.

Aber es geht diesem, den sie als Bekloppten bezeichnen, nicht darum, die Familie zu brüskieren, sondern es geht ihm um die Freiheit. Es will den Ritualen entkommen, die ihn einengen, die ihm einen Glauben und eine Haltung aufzwingen, die nicht mit dem Willen Gottes zu tun haben. Das Ganze wird nicht näher beschrieben, aber er muss da raus. Und er findet offensichtlich Menschen, die sensibel sind für die Botschaft Gottes. Mit ihnen baut er Kontakt auf. Die hören ihm zu und er hört auf sie. Sie sind miteinander im Gespräch, im Dialog. Er nennt sie seine Schwestern und Brüder. Für ihn brechen sie die enge Welt auf, in der er bisher gelebt hat. Seine Berufung geht über das hinaus, was er aus seiner Herkunftsfamilie mitgebracht hat. Sein Lebensweg ist nicht allein durch seine Herkunft geprägt, sondern enthält ein großes Moment an Freiheit.

Und das ist das Großartige daran: es geht hier nämlich nicht darum, die Familie schlecht zu machen. Es geht vielmehr darum, die Freiheit eines jeden Menschen zu entdecken. Ich bin nicht nur das Produkt meiner Familie und meiner Umwelt. Ich bin nicht nur das Resultat der Erziehungsversuche meiner Erziehungsberechtigten. Ich habe vielmehr eine gehörige Portion Freiheit, bin nicht der Klon oder die Kopie meiner Eltern, bin auch nicht das das folgsame Herdentier einer Großfamilie oder Sippe. Man kann das ruhig „Berufung“ nennen. Jesus aus Nazareth hat seine Berufung gefunden und er hat ihr entsprechend gelebt. Berufung braucht aber das Wagnis zum Widerspruch und den Willen zu Freiheit. Damit ist die persönliche Berufung eines Menschen auch immer Ausdruck dessen, was das Bild Gottes für uns Menschen ist. Wenn wir gewiss sind, dass unser Leben stimmig ist, dass ich mich nicht verstecken oder verbiegen muss, dann entspricht das dem Willen Gottes. Manchmal wird man dabei für bekloppt erklärt: Jesus ist das so ergangen, Franziskus von Assisi hat das im Mittelalter so erlebt, Charles de Foucauld in unseren Tagen. Und viele Getaufte gibt es, die sich irgendwo engagieren, von denen andere sagen: Muss der oder die sich das antun? Die sind doch ganz schön verrückt? Ich würde das nicht tun! Hat der das nötig?

Aber darin schwingt auch immer – bei aller Skepsis – eine Stück Respekt vor der Freiheit mit, mit der andere Menschen leben, und die an die Art der Freiheit erinnert, die sich Jesus von Nazareth herausgenommen hat, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Reinhard Bürger

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