„Um zu richten bin ich in die Welt gekommen, damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden“ – Wer ist in dieser Geschichte eigentlich blind und wer kann sehen? Das ist gar nicht so klar. Es scheint, als hätten wir Menschen zwei verschiedene Arten von Auge:
Ein ÄUSSERES, mit dem wir Fakten wahrnehmen, analysieren. Es sieht, dass krank = krank und tot = tot ist. Keine fake-news bitte, Tatsachen zählen. Dieses Auge zeigt mir, was mir mit meinen Mitteln möglich ist! Das ist seine Stärke, aber auch seine Grenze!
Das Evangelium weist uns auf ein Auge von anderer Natur hin, ein INNERES, das Auge unserer Seele! Mit ihm ‚sehen‘ wir… besser sollte ich wohl sagen: fühlen wir in unsere
Tiefe, erahnen wir Liebe und Vertrauen, aber auch Schmerz oder innere Leere. Es ist das Auge, das, z.B. bei einem Baum, nicht konstatiert, was man etwa mit seinem Holz machen kann, sondern wahrnimmt, wie schön er ist, das Leben in ihm spürt oder eine Verbundenheit mit ihm, so dass er ihn, wie Franziskus ‚Bruder‘ nennen kann.
Es ist das innere Auge, das mich eine Welt erahnen lässt, die mehr ist als meine Möglichkeiten hergeben, die mich in eine WEITE führt, die meine Grenzen überschreitet.
Dieses Gegenüber von zwei Weltzugängen – wie immer bei Johannes prallen zwei Welten aufeinander – geschieht in unserem Evangelium, der Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen oder auch: die von der Blindheit der Sehenden.
Da ist der Blindgeborene, dem mit dem äußeren Augenlicht ein neuer Zugang zum Leben geschenkt wird, zu der Erfahrung: Ich verdanke mich und mein Leben einem Größeren…
Und da sind die ‚Anderen‘, die Nachbarn, die Eltern, die Pharisäer. Für sie ist die Welt ganz klar. Was richtig und falsch ist, ist ganz klar… und was da nicht hineinpasst, existiert einfach nicht. Klar, warum der Junge blind geboren wurde – da muss jemand gesündigt haben – denn ein solches Schicksal muss ja Strafe sein! Und weil das so sein muss, deswegen kann, ja darf es auch keine Heilung geben.
Das klingt erst einmal so, als ginge es da um Aberglauben von früher, doch es ist eine Geschichte von heute und von uns. Wie schnell sind unsere fertigen Urteile über andere, über uns fremde Lebenszugänge zur Hand. Prüfen wir uns selbst, wo unsere Weltbilder verfestigt sind. Nicht selten halten wir uns für besonderes sehend, wo wir besonders blind sind.
Jesus deckt das auf! Die einen werden damit konfrontiert, wie blind sie sind. Der Geheilte dagegen steht für die, bei denen die Begegnung mit Gott ein ‚inneres Auge‘ geöffnet, das Herz weit gemacht hat.
„Du führst mich hinaus ins Weite“, das ist das Thema heute. Der Sinn der Fastenzeit ist ja, durch einen äußeren Verzicht zu einer inneren Klärung zu kommen – oder, in der Sprache unseres Evangeliums, unser inneres Auge zu schulen
Den Satz: ‚tot ist tot’ sprechen wir auf Grund unseres äußeren Auges. Mit dem Satz ‚die Liebe ist stärker als der Tod’ berühren wir eine andere Welt. Unser inneres Auge rührt damit an das, was wir Gott nennen. Sie merken, wie vorsichtig ist das sage! Denn: Kann man Gott sehen? Ist das nicht vermessen? Doch Jesus meint ‚Ja‘: „Wer mich sieht, sieht den Vater“.
Sehen muss man lernen, sowohl mit dem äußeren als auch mit dem inneren Auge. Wenn wir klein sind, zeigen uns unsere Eltern die Dinge dieser Welt, die wir entdecken können. Hoffentlich zeigen sie auch, was ‚schön’ ist und was ‚Liebe’ bedeutet – hoffentlich schulen sie unser äußeres und inneres Auge. Wenige Eltern nur noch lehren ihre Kinder, dass wir mit unserem inneren Auge auch unsere Seele berühren, dass wir im Gebet spüren, wie wir bei Gott geborgen sind. Mir geht es nach, wie viele Augen da trübe geworden sind – und wie damit ein wesentlicher, ein heilender Blick auf das Leben verlorengeht.
So wie wir mit beiden Augen sehen lernen können, können wir auch mit beiden Augen erblinden. Manche Menschen haben irgendwann in ihrem Leben aufgehört, die Welt neu zu sehen, die leben nach dem Motto: „Ich habe genug gesehen, mir kann keiner mehr etwas vormachen“! Dann ist die Linse unseres inneren Auges trübe geworden. Dann nennen wir Lebenserfahrung, was in Wirklichkeit Resignation ist. Dabei ist es nicht immer unser Versagen, wenn wir seelisch erblinden. Das Leben kann uns so mitspielen, dass wir hart werden.
Das Einzige, das wir dagegensetzen können, damit die Linse unseres inneren Auges durch schwere Lebenserfahrungen (die wir zwangsläufig alle machen) nicht trübe wird, ist:
Dass wir uns mit allem, was uns im Leben widerfährt, immer wieder ausrichten auf IHN. Der Hl. Ignatius nennt das „liebende Aufmerksamkeit“.
Liebend aufmerksam zu werden auf das, was ich mir nicht selbst machen und geben kann, aber was mir von Gott geschenkt wird. Das hat der Blindgeborene den „sog.“ Sehenden im Evangelium voraus, vielleicht gerade durch seine körperlichen Grenzen, weil er seine Bedürftigkeit kennt. Seine Blindheit hat ihn die Sehnsucht gelehrt.
Die Begegnung mit Jesus Christus kann unser inneres Auge reinigen, um neu und unverstellt das Wachsen des Lebens zu sehen, das uns Gott bereitet hat, mitten in unserer Lebenszeit, an dem Ort, wo wir stehen. Amen.
