Der Mann, um den es geht, ist – auf Deutsch gesagt – ein „richtiges Sch…“ (und jetzt kommt das Wort, das man nicht in einer Kirche sagt). Die Abneigung gegen ihn fängt schon bei seinem Aussehen ein. Fänden Sie jemanden sympathisch, der ein rotes Hakenkreuz auf dem Oberarm tätowiert hat? Es fällt schwer, Mitleid für ihn zu entwickeln: Er ist ein Großmaul und berechnender Lügner, ein Rassist und ein Nazi. Mit einem Komplizen hat er Liebespaaren aufgelauert, schließlich ein Mädchen vergewaltigt und ihren Freund kaltblütig erschossen. Nun sitzt er dafür in der Todeszelle – und ich verstehe, wenn man empfindet: Genau der richtige Ort für dich! Und er will Gnade. Dafür braucht er eine Ordensschwester – und Schwester Helen ist eine Nonne, wie aus dem Bilderbuch: Unglaublich sympathisch, engagiert, und im besten Sinn des Wortes fromm.
„Dead man walking“, auf Deutsch: „Toter Mann kommt“, ist ein Film aus den 90ern, für mich einer der herausfordendsten und tiefgründigsten Impulse zum Thema Schuld und Vergebung. Dead man walking“, so ruft der Gefängnisofficer, als Matthew Poncelet, Mörder und Vergewaltiger, seinen letzten Gang in die Hinrichtungszelle antritt. Den ganzen Film über ist man hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Mitleid.
Doch die Schwester engagiert sich für ihn. Als die Begnadigung abgelehnt wird, ist ihre Mission, seine Umkehr, noch nicht zu Ende; und das bedeutet im Falle Poncelet: Dass er seine Schuld ansieht und ausspricht: „Ich habe…“. Immer wieder sagt sie ihm den Satz aus dem Johannesevangelium: „Die Wahrheit wird dich freimachen“. Bei allen Beteiligten stößt sie dafür auf Ablehnung, ja Verachtung! Auch bei Poncelet rennt sie lange gegen eine Wand. Ich hätte längst aufgegeben. Doch sie schafft es, dass er sich, ganz am Ende, auf den äußerst schmerzlichen Weg der Wahrhaftigkeit begibt. Es sind nur wenige Minuten, die er zu leben hat, da bricht es unter Tränen aus ihm heraus: „Das habe ich getan, ich, Matthew Poncelet. Ich habe niemals Liebe bekommen. Aber was schlimmer ist: Ich habe niemals Liebe gegeben“. Und er hört von ihr den Satz: „Jetzt hast du eine Würde, die dir keiner mehr nehmen kann. Matthew Poncelet, jetzt bist du ein Sohn Gottes!“.
Die entsetzliche Zeremonie der Hinrichtung durch die Giftspritze nimmt ihren Lauf. Und als Poncelet dabei die Eltern der Ermordeten sieht, da kann er um Vergebung bitten und wünschen, dass sein Tod diesen tief verletzten Menschen wieder Frieden geben kann.
Eine ‚schöne‘ Geschichte ist das nicht – nicht nur die Story an sich, sondern, vielleicht noch mehr, das, was er in uns anrührt. Auch wenn wir im Vergleich zu M.P. die reinsten Engel sind, spricht die Geschichte ein uns unmittelbar angehendes, aber mit vielen Unsicherheiten und Abwehrhaltungen besetztes Thema an.
Die berechtigte Frage des Petrus bekommt durch solche Geschichten eine echte Wucht: „Wie oft muss man vergeben?“ Wie oft kann man vergeben? Wann darf ich sagen: Jetzt ist aber Schluss? Siebenmal ist viel, finden Sie nicht auch? Bei einer Dienstagsmesse im AH Derne haben wir ja öfter während der Predigt einen kleinen Dialog. Hier waren sich alle einig. Dem Partner zu vergeben, der mich betrogen hat?? Ein Mal vielleicht, ein zweites Mal schon eher nicht mehr; aber: Sieben mal die Ehe gebrochen und verziehen? Eindeutig nein! Wie wäre es bei unseren Kindern? Denen verzeihen wir ja viel mehr als allen Menschen sonst auf der Welt. Aber wenn sie zum siebten Mal, wie der „verlorene Sohn“, das Vermögen durchgebracht haben … vergeben und vergessen?
Jesus sagt: „siebzigmal siebenmal“. Die Zahl, das spüren wir, hat nichts mit der Menge zu tun: 490 Mal… beim vierhunderteinundneunzigsten Mal brauchst du es nicht mehr, Petrus. Jesus will sagen: „Immer wieder, ohne Ende, grenzenlos sollst Du vergeben.“
Ich predige heute mehr als sonst über etwas, was ich nicht kann, wo ich, befremdet über Jesu Radikalität neben Ihnen in der Bank sitze. Aber ich kann und möchte auch seine Anforderung nicht ‚weichspülen, solang passieren, bis ein leicht verdaulicher Brei daraus entsteht! Vergebung zu lernen ist. Das ist sicher die größte Herausforderung des Evangeliums, die anspruchsvollste Aufgabe für unser Leben und für unsere Reifung! Wie geht das?
Der Film zeigt uns zwei Herausforderungen: Die erste zeigt er mit dem, was sich im Laufe der Handlung in dem Mörder verändert. Die erste Herausforderung ist, lernen „Ja“ zu sagen zu mir als ganzer Person, auch zu meinem Schatten, meinen Grenzen meiner Schuld. Es gilt, Ich-sagen zu lernen.
Das macht uns frei und menschlich; das ist erwachsen. Kein Mensch ist vor Gott und dem Nächsten ohne Schuld. Wie sagte Poncelet, der Mörder: „Was schlimmer ist: Ich habe niemals Liebe gegeben.“ Lernen wir den Mut, auf das zu schauen, was in uns fragt, was in uns weint oder bohrt! Nicht selten wird uns von Kindheit an ein schiefes und zudem unchristliches Menschenbild beigebracht: Dass nur der Fehlerfreie gut ist.
Die zweite Aufgabe besteht darin, anderen vergeben zu lernen. Im Film besucht Schwester Helen auch die Eltern der ermordeten jungen Frau. Und auf deren Unverständnis hin, wie sie denn einem solchen Menschen als Seelsorgerin beistehen könne (Wir brauchen Ihre Seelsorge; kümmern Sie sich mal um die, die Sie wirklich brauchen…), antwortet sie: „Ich versuche doch nur zu tun, was auch Jesus getan hat. Er hat daran geglaubt, dass der Mensch mehr wert ist als seine schlimmste Tat.“ Das ist unser Weg als Christen: Auf Jesus zu schauen. Das klingt fast banal wenig. Das beantwortet uns nicht alle Fragen; nicht selten stellt er uns mehr, als er beantwortet. Aber es bildet uns, es bildet unser Herz. Um diese „Herzensbildung“ geht es. „Bilde unser Herz nach deinem Herzen“ ist für mich eines der stärksten Jesusgebete.
Das kann z.B. bedeuten, „offene Rechnungen“ offen bleiben zu lassen und trotzdem Frieden zu haben. Vergeben heißt oft verzichten auf Wiedergutmachung. Vergeben heißt oft, mit einer Lücke leben zu lernen. Vergeben heißt: zu versuchen, sich mit den Wunden auszusöhnen, die andere geschlagen haben! Wir kennen das gut. Jemand hat uns verletzt und entschuldigt sich. Wir sagen: Es ist in Ordnung, aber: In Wirklichkeit ist es noch nicht in Ordnung. Wir brauchen Zeit, die Ordnung wieder herzustellen.
Das Letzte, was der Mörder Poncelet in seinem Leben sieht, ist das Gesicht von Schwester Helen. „Ich möchte, dass du als letztes mich anschaust!“ hatte sie gesagt. „Ich möchte, dass du der Liebe ins Gesicht schaust … Ich werde für dich das Gesicht der Liebe sein!“ Ohne ein Gesicht, aus dem Liebe zu uns spricht, kann niemand von uns reif werden, kann niemand von uns vergeben lernen, sich nicht und dem anderen nicht. Jesus ist für uns dieses Gesicht. Gott schenke uns, dass es Menschen gibt, in denen wir es wiederentdecken.
