Na – da hast du ja das große Los gezogen, war mein erster Gedanke beim Lesen des Evangeliums…! Ausgerechnet am Karnevalssonntag eine Rede Jesu, bei der er seine Zuhörer gleich fünf Mal in die Hölle, ins ewige Feuer und wo sonst noch hinschickt! Und das ist Bergpredigt, nicht irgendein Ausrutscher aus schlechter Laune heraus, den man auch übergehen könnte. Und das nach den wunderbaren Texten der letzten Sonntage! Wie geht das zusammen? Um den Knoten zu lösen, lade ich zu einem kleinen Umweg ein über unsere heutige Lesung, die für mich eine gute Verständnisbrücke ist. Ein ganz optimistischer Text ist das: „Gott gab dem Menschen seine Gebote … Wenn du willst, wirst du sie bewahren…“

 Wenn du willst, wirst du! Das muss man nur wollen! ‚Streng dich an, dann klappt das schon!‘ … Willkommen in der Jugendzeit, in der Schule oder in der Ausbildung oder beim Training. Jeder wird daran reichlich Erinnerung haben. Meine Lateinlehrer auf dem Aufbaugymnasium trieb das Ganze auf die Spitze: ‚Ich will, was ich soll!‘, war seine Lebensphilosophie, die sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zur Hand hatte… Es stimmt natürlich, dass es immer besser ist, auch schwere Dinge selbst zu entscheiden. Aber das ist schon die hohe Kunst. „Wenn du willst, dann wirst du …“. Es ist ja nicht nur das Problem, dass wir aus tausendundeinem Grund nicht tun, was wir eigentlich wollen. Nicht selten müssten überhaupt erst einmal wissen, was wir wollen. Und – wenn wir es wissen: Sind wir dann überhaupt frei zu entscheiden? Hirnforscher verneinen das.

Jesus, und sein Namensvetter, der atl. Weisheitslehrer Jesus Sirach sind da optimistischer: „Euer Ja sei ein Ja“; „wenn du willst, dann wirst du …“! Den Einwand, dass man dazu erst einmal wissen müsste, was man will, scheinen sie nicht zu kennen. Er ist aber die entscheidende Vorfrage zum Gelingen unseres Lebens: Was will ich, was suche ich, was begehre ich? Vor allen Einzelentscheidungen, einschl. der größeren Weichenstellungen im Leben, gibt es eine erste und entscheidende Frage, die ich nur mit ‚Ja‘ beantworten kann, wenn ich glücklich werden will! Darum geht es dem Weisheitslehrer Jesus Sirach, und das formuliert er, wie ich finde, richtig stark: „Er (Gott) hat dir Feuer und Wasser vorgelegt… Vor den Menschen liegen Leben und Tod; was immer ihm gefällt, wird ihm gegeben“.

Die alles entscheidende erste Frage ist: Sage ich ‚Ja‘ zu dem mir gegebenen Leben?! Kein Mensch, es sei denn, er sei seelisch verzweifelt oder sterbend, will den Tod. Den Willen zum Leben hat uns die Natur, oder – gläubig gesprochen – Gott mitgegeben. Die darauf aufbauende lebenslange Aufgabe ist, so zu wählen, so zu handeln, dass dies dem grundlegenden ‚Ja‘ zu dem mir gegebenen Leben entspricht.

Und damit sind wir bei der Pudels Kern – und dem Grund für die Härte der Kritik Jesu heute. Historisch hat der Stimmungsumschwung, nach der Lebenszusage Seligpreisungen und dem bejahenden Ihr seid Salz und Licht, seinen Grund in dem Konflikt in der frühen Kirche, der sich um die Frage drehte, ob das Gebot des Judentums für Christen überhaupt noch eine Relevanz habe?! … Wir sind doch erlöst, leben in der neuen Welt… Diese ganze Gesetzesfrömmigkeit brauchen wir nicht mehr! Dagegen setzt Jesus: Vorsicht! Auch wenn ihr erlöst und seliggepriesen seid… menschlich gesehen kann euer Leben auch scheitern – an euch selbst. Ihr seid verantwortlich für euer Glück, niemand sonst.

Was er dabei substanziell kritisiert, ist das, was ich das GETEILTE HERZ nennen möchte. Nie ist er schärfer als bei dieser Frage, den Pharisäern wie den eigenen Jüngern gegenüber: „Ein Reich, das in sich gespalten ist, kann keinen Bestand haben“. Immer wieder klagt er an, dass unser Leben scheitern kann, weil wir uns nie für einen Weg wirklich entscheiden, weil wir die Antwort auf die Frage, ob wir das uns geschenkte Leben überhaupt ungeteilt annehmen, immer offenhalten. Auch unser Zugang zu Jesus und zum Glauben bleibt dann immer äußerlich und wir finden ebenso keinen inneren Zugang finden zum eigentlichen Sinn und zur Tiefe der Gebote Gottes. Die Folge ist dann ein eigenartig äußerer und blinder Gesetzesgehorsam. Jesu geht es nicht um eine Verengung, die den Atem nimmt, sondern um Wegweisung, die Freiheit möglich macht. Ganz praktisch kann das für ihn manchmal bedeuten, sie außer Kraft zu setzen, wenn es unmenschlich wäre, sie in einer gegebenen Situation einzuhalten. Jesus heilt am Sabbat Kranke und fragt: Was ist wichtiger?

Es kann aber umgekehrt auch bedeuten, sie zu radikalisieren, wie es unser heutiges Evangelium par excellence zeigt. Der Schlüsselsatz dafür ist: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“. Man ist nicht schon ein guter und glücklicher Mensch, wenn man niemals jemanden ermordet hat. Gleichzeitig kann das Herz eine Mördergrube voller tödlicher Gedanken sein… Dann hat man ein geteiltes Herz! Man ist nicht schon ein guter Mensch, nur weil man niemals die Ehe gebrochen hat. Das Glück einer anderen Beziehung kann man auch missachten und geringschätzen, wenn man sich in der Phantasie zwischen zwei Menschen drängt, die sich lieben… Auch da wieder: ein geteiltes Herz! Großzügigkeit in der Auslegung der Gebote bedeutet nicht nur: Ich setze mich mal darüber hinweg, wenn es opportun ist, sondern auch: Ich weiß um den Sinn (z.B. des Almosengebotes) ich habe auch die Mittel… also gebe ich das Doppelte. Das gehört auch zur Freiheit des Christenmenschen. Auch diese Entscheidung gehört dazu, wenn wir in Spuren Jesu gehen.

Ungeteilt leben – ungeteilt lieben schenkt eine große Freiheit… die Freiheit, in diesen Tagen ungeteilt zu feiern, um dann, genauso ungeteilt in die Aufbruchswochen der österlichen Bußzeit hineinzugehen. Freuen wir uns darauf. Amen.