Ich muss gestehen: Wenn ich mit der Predigtvorbereitung beginne, schau ich oft erstmal in meine Altbestände (ins „Eingemachte“, wie mein erster Pfarrer zu sagen pflegte). Vor drei Jahren fing meine Predigt (sinngemäß) so an: Es gibt Sternstunden der Menschheit: Entdeckungen, Ideen, Momente, durch die etwas wirklich Neues in die Welt kommt … und die Seligpreisungen gehören ganz gewiss dazu: Jesus proklamiert die unzerstörbare göttliche Würde jedes Menschen. Als ich das jetzt wieder las, hatte ich ein komisches Gefühl und dachte: Wie selbstgewiss! Haben nicht die Seligpreisungen für jemanden, der sie nicht seit Kindertagen hört, auch etwas sehr Befremdliches? Auf den Punkt: Muss ein Mensch, der ganz im Denken und Fühlen unserer Zeit steht, sie nicht eher ablehnen/abwehren – und zwar weniger, weil die sie den Menschen überfordern, als vielmehr, dass sie ihn und seine Möglichkeiten unterfordern.

Die Seligpreisungen sind keine Gebote. Da steht nicht: Wendet euch den Armen zu, tröstet die Trauernden, sondern Jesus drückt seine Hochachtung aus, indem er Menschen selig, glücklich nennt. Nur: Wen preist er da selig? Wenn man es nicht so erhaben ausdrückt, scheinen es die „Looser“ dieser Welt zu sein, die arm sind an Vermögensverhältnissen, an Geistes- und Gestaltungskräften, die, die einknicken, statt ihre Kraft auszuschöpfen.

Diese Vorbehalte dagegen sind nicht neu. Seit der 19. Jh. gibt es einen wirkmächtigen Strang in der Geistesgeschichte (Nietzsche, Sozialdarwinismus, Carl Schmitt u.a.), der dem christlichen Weg mit Verachtung begegnet, weil der den Menschen lobt, der von sich klein denkt, statt sich zu wahrer menschlicher Größe zu erheben … zu weich, zu lebensschwach, zu „gutmenschenhaft“! In den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts hat dieses Denken große Macht bekommen, und das, was gegenwärtig in den USA geschieht, lebt aus dem gleichen Geist.

Doch wir müssen gar nicht in die Abgründe der Diktaturen und Möchte-gern-Potentaten schauen. Auch die Grundlagen unserer freien Gesellschaften liegen konträr zu dem, was Jesus selig-preist:

Die Naturwissenschaften lenken den Blick auf die Potentiale, auf das, was wir noch erreichen können. Das Lob der Leistung und der Stärke ist die Grundlage unseres Wirtschaftssystems über die Zeiten hinweg, und selbstverständlich wird jeder von uns sagen, dass die Selbstverwirklichung für sein Leben unabdingbar ist, um die individuellen Potentiale am besten zu leben und auszuschöpfen. Helmut Schmidt hat einmal gesagt: Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Hater nicht recht?

Nehmen wir diese Spannungen wahr, ohne sie aufzulösen. Im Gegenteil: Schauen wir – mit all diesen Einwänden im Hinterkopf – wo und wie uns die Seligpreisungen ansprechen. Mit manchen von ihnen können wir uns gut identifizieren: Frieden stiften, keine Gewalt anwenden. Schön wäre es, wenn wir sie uns aussuchen könnten und andere, unbequeme dagegen aussortieren: uns als Arme sehen und verstehen, voll Trauer sein, fern von Gerechtigkeit danach hungern und dürsten. Doch die Seligpreisungen sind nicht als Auswahl gedacht. Sie hängen klar zusammen und interpretieren sich gegenseitig.

Dabei steht nicht zufällig am Anfang: „Selig die arm sind vor Gott“. Wie eine Überschrift ist das. Ursprünglich mag da, wie bei Lukas: „Selig die Armen“ gestanden haben, die, die mittellos und bedürftig sind. Hier macht Mt. deutlich: Wer sein Leben an Jesus ausrichtet, der spürt, dass dazu eine innere Haltung gehört: eine innere Armut, die weiß, wie vorläufig aller Besitz ist, und die gelernt hat loszulassen. Theresa von Avila hat einmal gesagt: Gott allein genügt! Jesus sagt: Das ist Glück.

Alles Weitere baut darauf auf:

  • Frieden zu stiften ist eine Frucht dieser Armut. Das kann nur, wer keine Machtinteressen und keine materiellen Interessen hat. Der muss keine Gewalt anwenden. Das alte Wort dafür ist Sanftmut.
  • Dagegen setzt Friedensfähigkeit voraus, die Trauer über menschliche Verluste nicht verlernt zu haben…
  • und das wiederum geht einher mit dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, der sich mit dem Zustand unserer Welt nicht zufriedengeben kann.
  • Jersus meint: Nur wer die innere Armut kennt und bejaht, kann letztlich barmherzig sein, Gnade vor Recht ergehen lassen.

Kann man damit Politik machen? Man könnte Helmut Schmidt erwidern, dass man ohne diese Haltungen – ganz gewiss – keine Politik machen kann, die menschlich ist! Dennoch bleibt: Die Seligpreisungen sind keine Aufforderung zum Handeln, sondern im Grunde der Ausdruck einer geistlichen Erfahrung von Menschen, die ihren Weg mit Jesus gegangen sind. Christen sind Menschen der Sehnsucht! Sie haben in der Botschaft Jesu, im persönlichen Gebet eine Erfahrung der Größe Gottes gemacht. Und diese Sehnsucht, die jeden Menschen erfüllt, finden wir ins Wort gebracht in den Seligpreisungen. Christ sein bedeutet, der Sehnsucht nach der inneren Armut, die Jesus predigt und lebt, in sich Raum zu geben!

Das lenkt den Blick auf die letzte Seligpreisung, die Einzige, die die Jünger spezifisch anspricht: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet“. Schwer zu nehmen ist dieser Satz! Was ist gemeint? Keiner will beschimpft und verleugnet oder gar verfolgt werden. Ich höre in dieser Seligpreisung: Wenn euch dies widerfährt: Haltet fest an der Hoffnung! Das lässt mich an Menschen denken wie Nelson Mandela, der viele Jahre Haft und Folter erdulden musste, aber seine Seelenkraft, sein Vertrauen in das Leben nie verloren hat. Wie viele erleben wir davon zurzeit im Ukrainekrieg! Und wie notwendig sind sie, um den Glauben an die Botschaft Jesu…um Hoffnung und Liebe nicht zu verlieren.

An solchen Menschen/Beispielen wird für mich die Kraft, die in den Seligpreisungen liegt, am stärksten sichtbar, der Segen, den sie in die Welt gebracht haben. In diesem Sinne sind sie – ganz sicher – eine Sternstunde der Menschheit