Ob nun der Gesetzeslehrer Jesus aufs Glatteis führen wollte oder seine Frage ehrlich gemeint war… In jedem Fall trifft sie einen wichtigen Punkt: ° Welche Regeln des Zusammenlebens sind unaufgebbar – aber welche Regelungen auch überflüssig oder gar schädlich? ° Und was den Glauben angeht: Haben wir da die ‚Gebotereligion‘ unserer Großeltern nicht hinter uns gelassen – und gibt die Replik Jesu auf den Angriff des Pharisäers dem nicht genau recht, frei nach dem Hl. Augustinus: „Liebe, und dann tue was du willst“?

In unserer Gesellschaft ist es ist notwendiger demokratischer ‚Streit‘, welche Regelungen es braucht, wie eng – wie weit, aber welche Eingrenzung auch schadet? Und je nach Zeitgeist oder Dringlichkeit hat mal die eine, mal die andere Seite die ‚Nase vorn‘. Wenn z.B. das Wasser knapp würde, würde reglementiert, ggf. bis ins Detail, ggf. mit Strafandrohung. Bei der Pandemie haben wir allerdings auch gesehen, was schon kleinste Einschränkungen der Freizügigkeit auslösen können. Doch auch der andere Pol kann entarten. ‚Alles regelt alles der Markt‘ … das kann stimmen, aber auch eine intelligent klingende Begründung für Raffgier sein. Und diskutieren Sie in Deutschland bitte nie über Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen, das ist ein Fetisch; daran scheint die ganze Freiheit zu hängen;

„Welches Gebot ist das wichtigste?“ Sie sehen: die Frage hat Zündstoff! Doch was hat sie mit Gott zu tun? Geht es nicht um ganz ‚weltliche‘ Regeln des Zusammenlebens – bei der Gott nur herhalten muss als höhere Instanz? Im Judentum (wie übrigens auch im Islam) ist das grundlegend anders. Sie verstehen sich ausdrücklich als Gesetzesreligionen, das bedeutet: Es ein Ausdruck der Gegenwart Gottes, das Gesetz, die THORA einzuhalten. Das Gesetz ist die größte Kostbarkeit des Lebens: „Wäre nicht dein Gesetz meine Freude, ich wäre zugrunde gegangen“, heißt es im Psalm 119. Die Frage, ob ich an Gott glaube ist nicht so zentral, sondern ob ich das Gesetz einhalte. Dann bin ich Jude.

Als Christen stehen wir in der Gefahr, ein wenig von oben darauf herabzusehen. Sehr zu Unrecht! Klar gibt es die Kritik Jesus an den Pharisäern. Doch da verurteilt er nur Veräußerlichung und Verengung. Im Kern versteht er sich als Jude – auch mit seiner Antwort. Das Liebesgebot ist ja nicht Jesu Erfindung, sondern er zitiert ein Zentrum der Thora, das Sch’ma Jisrael: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist einzig. Darum sollst du…“. Das ist so, als würde jemand auf die Frage, was das Wichtigste im Grundgesetz ist, mit Artikel 1 antworten: „Die Würde des Menschen…“.

Und diesen Kern will er, als Jude, wieder zum Leuchten bringen. Alles, was wir an Regeln und Geboten einfordern, muss danach bewertet werden, ob es die Liebe fördert oder verletzt. Dieser Maßstab bleibt, und der unterscheidet Christen sowohl von Moralisten als auch von Liberalisten Für den Glauben geht es einzig darum, in allem – wirklich allem! – was zwischen uns geschieht, Gott und seine Liebe zu suchen und zu finden. Wenn wir dem Liebesgebot folgen, dann tun wir einerseits etwas rein Menschliches, doch DARIN leuchtet Gott auf.

Ein brandaktuelles Beispiel für diese Haltung ist unsere heutige Lesung aus dem Buch Exodus, wo es um das Verbot geht, Fremde auszubeuten. In der Thora gilt als Fremder: ° jeder, der keine oder wenig Rechte hat; ° wer sich nicht auskennt und die Sprache nicht spricht; ° wer (wir würden heute sagen) „ohne Papiere“ ist. Der Maßstab des biblischen Gebotes bleibt auch für uns gültig und bindend – und ist verstörend einfach. Maßstab des Handelns darf nie sein, was uns nützt (deshalb ist ja z.B. ein jüdisches Gesetz das Zinsverbot), sondern einzig das Wohl der Fremden.

Und warum? Weil „Ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen“. „Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung“, sagt der Talmud. Ein Zitat, das jeder kennt, der den Film Schindlers Liste kennt. Das meint auch unser Wort Mitgefühl. Ich kann nur mit der Not eines anderen mit-fühlen, wenn ich diese Not selbst kenne. Kenne ich sie nicht, erfreue ich mich ständig bester Gesundheit, habe ich nie im Leben Krieg, Hunger oder Heimatlosigkeit erlebt, ist es eine Herausforderung, sich Mitgefühl zu bewahren.

Es scheint mir kein Zufall, dass der drohende Verfall der europäischen Friedensidee und die Attraktivität des Autoritären in dem Moment Macht bekommt, wo die letzten Zeugen an die Katastrophen des 20 Jh. sterben – und damit die Erinnerung und Betroffenheit vergeht.

Doch das wirft natürlich eine neue Frage auf: Kann ich wirklich nur Mitgefühl haben, wenn ich selbst das Leid kenne? Auch in der Bibel hat ja keiner, der die Thora geschrieben hat, den Exodus, die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens, selbst erlebt.

Es ist die Zugehörigkeit zum Volk Gottes – für uns zur Kirche – die diese Geschichte zu meiner Geschichte macht!

Deswegen ist mir die Verbindlichkeit in der Kirche – und ich meine jetzt bewusst die Kirche, nicht die Gemeinde – so wichtig. Die Kirche ist mehr als das, was uns wichtig ist. Glaube ist nicht nur das, wozu ich Zugang habe und was mir passt – und trotzdem ist es für mich bindend. Ein Gedächtnis wird bewahrt, wie auch in der Thora. Riten werden gefeiert, damit Erinnerung bewahrt bleibt. Ich bin Teil des Leibes Christi. In der Eucharistie feiern wir: Gott ist gegenwärtig. Kreuz und Auferstehung geschehen heute. Das macht die Geschichte der Bibel zu meiner Geschichte; das macht die Not anderer zu meiner Not – auch wenn ich sie nicht wegnehmen oder lösen kann. Gott nimmt die Perspektive der Menschen, der Armen und Bedrängten ein. Und die Gemeinschaft der Glaubenden hilft mir, die Perspektive Gottes nicht zu vergessen, sondern sie in mein Leben zu holen.

„Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung“. Nimm die Perspektive Gottes ein – und dann liebe deinen Nächsten wie dich selbst – jeden Tag etwas mehr. Das gibt Deinem Leben den Sinn, der das Leben lohnt. Amen.