Warum feiern wir eigentlich am 11.11. für einen Tag Karneval, um ihn dann sofort wieder auf Eis zu legen? Nicht nur „am Aschermittwoch ist alles vorbei“, sondern am 12. November auch. Der bekannte Gassenhauer von Jupp Schmitz spielt auf die vierzigtägige vorösterliche Fastenzeit an, vor der man es noch einmal so richtig krachen lässt.
Menschen im ersten Jahrtausend hätten aber auch singen können: „Nach St. Martin ist alles vorbei“. Denn wie vor Ostern hielt man auch vor Weihnachten, in Anlehnung an die 40 Tage Jesu in der Wüste, den Advent als vierzigtägige Bußzeit. Sie begann nach St. Martin, weswegen sie auch Martinsquadragese genannt wurde. Einheitlich praktiziert wurde die sechswöchige Ad-ventzeit nie. Bis zum Konzil von Trient (1545-1553) bestanden verschiedene Traditionen nebeneinander.
Doch gerade in unserem Kulturkreis wurde weiterhin nach St. Martin gefastet, nicht zuletzt, weil am 11.11., mit dem Ende der Erntezeit, auch das landwirtschaftliche Jahr endete (das neue Wirtschaftsjahr begann dann am 2. Februar, dem Lichtmesstag).
Die Dienerschaft wurde entlohnt und konnte den Dienstgeber wechseln, Zins musste abgeführt werden, und es war Schlachttag, weil das Durchfüttern des Viehs über Winter oft nicht möglich war. Es gab also mehr als einen Grund, um zu feiern. So ließ man es sich an St. Martin noch einmal gut gehen. Unser Brauch mit der Martinsgans ist ein letzter sichtbarer Restbestand davon – und eben der Karnevalsbeginn am 11.11.
Ist das noch relevant für uns, jenseits einer interessanten volkskundlichen Randnotiz, oder so fern wie die bäuerliche Lebenskultur? Auch einen weihnachtlichen Festkreis von Mitte November bis zum 2. Februar gibt es schon lange nicht mehr.
Eine eigengeprägte Zeit aber ist das winterliche Quartal auch für uns heute: Es ist die dunkle Jahreszeit. Je weiter die Wochen voranschreiten, umso mehr sehnen wir uns nach dem Licht. Es ist eine Zeit, in der sich das Leben von draußen nach drinnen wendet, bei vielen verbunden mit der Sorge, beschützt und behütet zu sein.
Darin liegt auch die Einladung der kommenden Wochen – bewusster wahrzunehmen, was für uns „Not tut“:
Eine Zeit für die Ruhe und den Schlaf
Eine Zeit für die Natur und die Bewegung
Eine Zeit für die Stille und die Gottesbegegnung
Eine Zeit für die Freundschaft
und die Gemeinschaft
Eine Zeit für erfüllte und erfüllende Arbeit
Das wünscht Ihnen
Pastor Georg Birwer
